Interview mit Jupp Linssen und Stefan Skowron

Ein Interview mit Jupp Linssen und Stefan Skowron zu ihrem Kurs „Vorbild-Abbild-Eigenbild“ bei uns in der Akademie geführt von unserer italienischen Praktikantin Eleonora Marchioni:

„Einige Werke liegen am Boden. Andere an den Wänden. Andere sind noch nicht fertig. Man spürt die Lust zu kreieren, der Kunst freien Lauf zu lassen und sich mit der Materie auseinanderzusetzen. In dieser künstlerischen und prickelnden Atmosphäre fand ein interessantes Gespräch mit Jupp Linssen und Stefan Skowron statt.

Eine Zusammenarbeit, die schon länger funktioniert.

Eine Zusammenarbeit, die für den Künstler und den Kunsthistoriker nur positiv konnotiert sein kann. Linssens Meinung nach erlaubt sie nämlich, die eigenen Überlegungen zu ergänzen. Skowron ist damit voll einverstanden, denn die Zusammenarbeit führt nicht nur zu einer Verbreitung von Wissen, sondern auch zu einer Erweiterung der Horizonte und einer Bereicherung für die unterschiedlichen Meinungen. Deshalb könnte man ihre Beziehung als zwei  sich überlagernde Kreise darstellen: der eigene Wissenskreis hat Grenzen aber er erweitert sich durch die Überlappung mit anderen Kreisen (Linssen interessiert sich für das künstlerische Gebiet in den USA und Westeuropa, Skrowron dagegen für die osteuropäische Kunst), aber die Mehrheit ihrer Meinungen ähneln sich. Ständige Auseinandersetzung und Zusammenarbeit bilden die Basis sowohl der Beziehung zwischen Linssen und Skowron als auch die des Kurses. Sie haben vor, die Kommunikation zwischen den TeilnehmerInnen  zu fördern und durch Konfrontationen die Distanz zwischen dem „Lehrer“ und den „SchülerInnen“ zu reduzieren. Auch wenn ihre Rollen klar verteilt sind, herrscht im Kurs keine wirkliche Hierarchie.

Wie es Linssen sagt, sie haben vor, den TeilnehmerInnen Fragen zu stellen, um einen bestimmten künstlerischen Prozess im Gang zu bringen und zwar: was es schon im Können in den TeilnehmerInnen gibt, herauszuziehen. „Wir haben mit Menschen zu tun, die Künstler sind, deshalb wollen wir ihnen unsere Art des Kunstschaffens  nicht aufzwingen. Wir möchten sie begleiten, indem  wir ihnen Fragen stellen und eine Palette von Möglichkeiten vorstellen. Wir geben keine feste Antwort, sonst wäre es nur einen Diktat“. Dank dieser pädagogischen Methode sind die Teilnehmer in der Lage, ihre eigene künstlerische Handschrift zu finden.

Noch zwei wichtige Momenten prägen diesen Kurs stark: einerseits die Entspannung und anderseits etwas, was man vielleicht als „Erziehung zum Sehen“ definieren könnte.

Linssen und Skowron legen viel Wert auf Freude und Entspannung. Laut Linssen „ist es manchmal besser, die Teilnehmer von der Konzentration wegzugehen. Es handelt sich um zwei Ebene (Entspannung und Konzentration) die aber nicht im Konflikt stehen. Während der Kunstschaffung sollten die Teilnehmer einerseits an die verschiedenen Künstler denken aber anderseits auch eine Pause machen. Es geht nicht um eine Unterbrechung der künstlerischen Arbeit.“. Eines der Hauptziele dieses Kurses ist aber eine die Fähigkeit zu sehen, zu erkennen Tiefe zu entwickeln. Skowron ist davon überzeugt, dass die TeilnehmerInnen durch das Sehen die Kunstgeschichte auch in ihren eigenen Werken erkennen können und wenn man das Sehen lernt, dann ist man in der Lage, auch über Kunst zu sprechen.

Das wird hier in der Kunstakademie Bad Reichenhall ermöglicht. Und diese hat für Skowron eine deutliche Bedeutung: “Die Kunstakademie Bad Reichenhall ist ein wunderbarer Ort der Kunstvermittlung. Man kommuniziert und redet über die Kunst. Es ist enorm schön. Für mich ist die Beziehung mit dem Publikum ein Teil meines Alltags aber die Gelegenheit, direkt vor einem Werk mit den KünstlerInnen zu reden und zu arbeiten, ist einfach wunderbar und das was wirklich zählt.“

Vorbild- Abbild- Eigenbild.

Dieser Kurs erlaubt, in die Tiefen der Kunst einzutauchen. Oder besser gesagt:

Ein Ort für Ausdrückmöglichkeit für Menschen.“ (Jupp Linssen)

Der Kurs ist die Möglichkeit sich zu entwickeln und sich zu verändern, ohne sich selbst aufzugeben.“ (Stefan Skowron)“

Alfred Darda – Lebensraum-Bildraum

Lebensraum – Bildraum

 Unser Lebensraum ist bedroht. Es bedarf keines Beweises mehr, da es täglich geschieht. Es spricht alle Welt davon, wir wissen es nun, und die Ursachen für diese Situation werden immer deutlicher erkennbar. Ein Großteil ist auf unsere unzulängliche menschliche Verhaltensweise zurückzuführen. Die Lebensraum-Besetzung auf diese zerstörerische Weise ist nun mal ein Problem. Wir hätten ja die Möglichkeiten, sinnvolle Schritte zu tun – die Möglichkeiten dazu sind vorhanden, wenn wir die Tugenden der Vernunft, der Liebe, der Achtsamkeit, der Kooperationsfähigkeit, den Respekt vor der Schöpfung selbstverständlich praktizieren würden. Zum Glück wächst die Einsicht zum Handeln. Noch ist es eine Minderheit. Es ist also ein Thema, das uns beschäftigt und nach Lösung drängt. Für mich ergibt sich daraus mein Thema der Malerei, mit dem ich mich auseinander setze und versuche, es zu gestalten. Die Bildfläche ist gleichnis-haft der Lebensraum, den ich so füllen kann, dass der Raum verdrängt wird und ich den Radius, den die Teile und die Gegebenheiten im Bild brauchen, missachte. Eine Wirkung hebt dann die andere auf. Anstatt eines Dialoges, wo eines das andere respektiert, entsteht Kampf zwischen den Teilen. Wenn ich den Lebensraum wie den Bildraum respektiere, muss ich meine rein subjektiven Anliegen läutern und so einsetzen, dass der Raum erhalten bleibt.

Das bisher Erwähnte lässt sich auch übertragen auf unser zwischen-menschliches Verhalten. Auch da spielt der Raum, der entsteht, eine lebenserhaltende Rolle. Auch in einer Beziehung kann der Raum durch egoistisches, subjektives Verhalten der Partner verdrängt werden und die Realisierung der Persönlichkeit verhindern. Die Autonomie der Persönlichkeiten entscheiden auch darüber, wie weit der Lebensraum möglich wird. Es hängt von unserer Verhaltensweise in Zukunft ab, ob wir die Probleme unserer Zeit lösen können.

Text von Alfred Darda

 

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Alfred Darda – Die Darstellung des Menschen in der Malerei

Die Darstellung des Menschen in der Malerei

Es gibt viele Möglichkeiten, den Menschen bildhaft zu gestalten. Um die Jahrhundertwende war es selbstverständlich, dass anatomische Richtigkeit verlangt wurde. In der Akademie zeichneten die Schüler auch noch nach Gipsmodellen. Es stimmt oder stimmt nicht wurde beurteilt nach den Genauigkeiten und Übereinstimmung mit dem Modell. Expressive, individuelle, frei gestaltete Darstellung wurde negativ beurteilt. Viele schöpferisch begabte Künstler flohen dann aus der Akademie, um ihr wahres Künstlertum zu retten.

Es war die Zeit, in der viel verleugnet und kaschiert wurde, und die wirkliche Kunst bezeichnete man als entartet. Dieser Begriff ist uns ja noch vertraut von der Zeit, als Deutschland im schwarzen Loch steckte. Aber es ist heute längst selbstverständlich geworden, dass die Kunst sich entfaltet aus der inneren Notwendigkeit, wie es Kandinsky oft in seinem Buch „Das Geistige in der Kunst“ erwähnt. Die Darstellung des Menschen ist gebunden an seine Ganzheitlichkeit bis in sein Innerstes hinein. Wenn die Endform jeglicher Darstellung nicht vom schöpferischen Prozess bestimmt ist, verliert sich eine Aussage im Oberflächlichen.

Die Fotografie deckt den Bedarf nach gegenständlichen Bildern ab und ersetzt glaubwürdig das Bedürfnis nach Interpretation und Dokumentation. Die Malerei hat völlig andere Möglichkeiten und ist in der Lage, die existenzielle, seelische Situation des Menschen zu gestalten und die Eigenschaften miteinander zur Wirkung zu bringen. Jegliche Darstellung des Menschen darf vor allem nicht auf Kosten der Malerei und der Gestaltung dargeboten werden. Das Phänomen Malerei ist ja endlich auf der Stufe der Musik angekommen, die immer schon freier war, und niemand wird behaupten, dass die Darstellung des Menschen mit den Mitteln der Musik unmöglich ist. Beethoven, Mozart und alle anderen großen Musiker verwirklichten das Bild des Menschen durch ihre Musik.

Die Malerei hat heute die gleiche Möglichkeit, zum Glück, Dank der Revolution, die in der bildenden Kunst stattgefunden hat. Ein echtes Kunstwerk ist ja letztlich auch die Darstellung der Persönlichkeit des Menschen, der es geschaffen hat. Denn nur, wenn er alles einbezieht, was zu ihm gehört, ist es authentisch und glaubwürdig. Es kann nicht mehr glaubwürdig sein, wenn in illustrativer, oberflächlicher Weise wie im 19. Jahrhundert durch den Naturalismus alles verharmlost wurde, alles kaschiert und verleugnet war, was wesentlich unter der Oberfläche rumort.

Es geht darum, mit den reinen Mitteln der Malerei das Bild des Menschen mit dem Blick in seine innere Existenz hinein glaubwürdig zu gestalten. Es gibt sehr viele gute Beispiele von großen Künstlern, die Maßstab bildend sind. Rückfälle in die bequemere Interpretation und oberflächliche Betrachtungsweise sind letztlich nur auf geistige Bequemlichkeit und anspruchslose Erwartungshaltung von einem Großteil des Publikums zurückzuführen. Der Markt bedient aber da, wo eine Mehrheit entsteht.

Nichts desto trotz ist ein hoher Maßstab gesetzt, und gerade heute, wo Menschenverachtung und Innenweltverschmutzung mit der Umweltverschmutzung Hand in Hand gehen, wird es von allergrößter Wichtigkeit, das Bild des Menschen deutlich sichtbar und in der Kunst zum Thema zu machen.

Jeder Mensch hat die Motivation zu sich selbst als schöpferisches Potenzial in sich. Alles, was wächst, wächst von innen nach außen und setzt nicht da an, wo Fremdbestimmung und Vernutzung und Verzweckung Frust schaffen. Die Sehnsüchte des Menschen nach Liebe, Poesie und Erfüllung werden schamlos umfunktioniert und in Sehnsüchte nach Konsum umgewandelt. Die Darstellung des Menschen in Musik, Malerei und Tanz eröffnet weiterhin und noch verstärkt für den Künstler eine hohe Aufgabe. Es genügt bei Weitem nicht, sich zu begnügen mit Interpretationen, die über die Darstellung der Oberfläche nicht hinausgehen. Die zeichenhafte Darstellung wird wesenhafter sein, wenn diese Zeichen für die Eigenschaften stehen, die in der Wirklichkeit vorhanden sind.

Wir haben alle erlebt, wie Gesichter und Figuren in Mauern, Felsen und Wolken auftauchen. Unsere Phantasie wurde angeregt, und all die Hintergründe, Erinnerungen, eigenes Erleben wurden wach. Die Erkennbarkeit von Kopf und Figur ist nicht abhängig von der Identität mit der äußeren Form der anatomischen Richtigkeit. Was zählt, ist die malerische Umsetzung und das Entstehen eines autonomen Bildes mit individueller Färbung. Die Hauptmerkmale des Themas Mensch werden zeichenhaft gestaltet. Die Endform in der Malerei kann nur durch den Prozess der Gestaltung entstehen. Diese Prozesse werden geopfert, wenn wir an der Oberfläche der Form hängen bleiben. Der Prozess wird die innere Situation des Menschen integrieren und gestalten und damit erst die Darstellung des Menschen glaubwürdig machen.

All diese Betrachtungen schließen aber nicht aus, dass es weiterhin nützlich ist, das Zeichnen nach dem Modell als einen Aspekt des Studiums zu nutzen. Und es wird weiterhin eine freie Entscheidung sein, wie weit jemand diese Erfahrung als Teil nutzt und weiter geht oder da stehen bleibt, wo er sich wohl fühlt. Sowohl als auch soll bleiben. Wir können nur die Kunst der Unterscheidung üben, um wählen zu können. Jede Aussage hat eigenste Kriterien – die sollte ich kennen, um zu spüren, wohin mein Innerstes mich treibt. Die Geschicklichkeit, das Können, ist nur ein Teil und betrifft den handwerklichen Bereich. Die Kriterien des rein künstlerischen Bereiches sind nicht durch die Oberfläche der Natur zu erfahren. Da müssen wir uns mit den Ursachen, den Grundverhaltensweisen der Wirklichkeit beschäftigen. Ursprungsform und Endform stehen in engem Zusammenhang. Je mehr ich die innere Wirklichkeit meiner eigenen Natur mit der inneren Wirklichkeit aller übrigen Schöpfung in Zusammenhang bringe, umso selbstverständlicher gestalte ich wie die Natur und nicht nach der Natur.

Interessant ist es, dass die Proportion des Körpers rein dynamisch darstellbar ist, wenn die Bezugspunkte des Körpers in Beziehung zueinander gebracht werden. Dann erkennen wir immer auch eine Figürlichkeit als freie Gestaltung. Zusätzlich ist auch der Raum für die Formgebung mitbestimmend.

In diesem Sinne meint der Künstler Willy Baumeister, dass der Naturalist außerhalb der Natur steht und der Formkünstler in derselben. Wir müssen uns immer wieder entscheiden, wie weit wir am schöpferischen Prozess beteiligt sind. Wenn Vermittlungsarbeit sinnvoll ist, dann fördert sie nicht das Nachmachen, sondern fördert nur die Möglichkeit, uns zu erkennen. Es ist ja alles da, man sollte es nur freisetzen. Das führt zur schöpferischen Freiheit, die dann nicht mehr missverstanden wird.

Text von Alfred Darda

 

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Alfred Darda -Die Frage nach der Begabung für Kreativität

Die Frage nach der Begabung für Kreativität

 Kreativität beginnt mit dem, was wir sind. Unser Körper ist ein wundersames Instrument, mit dem wir unser Leben ermöglichen. Alles, was wir tun und erlernen, ist ohne den Körper nicht denkbar. Die Frage, ob ich begabt bin, beginnt mit dem, was unser Körper uns ermöglicht. In dem Buch „Reise in den inneren Körper“ sind alle Organe in wunderbaren Bildern zu sehen. Wir bräuchten das ja nur fortzusetzen und zu übertragen auf unsere Bildfläche. Ja, aber da ist dann der Kopf da mit all seiner Angst und Unsicherheit, der das blockiert. Wie lauten denn die Fragen, die zu einer Antwort führen?

Sind wir begabt zum Stehen, Liegen und Laufen? Sind wir begabt zum Schlafen, Träumen, zum Lachen und Weinen? Zum Sprechen und Schweigen? Sind wir begabt zu tanzen, zu singen, zum Essen und Trinken, zum Schmecken, Riechen, zu lieben und zu hassen. Sind wir begabt für Lust und Unlust, für Hass und Wut? Und noch viel mehr? Dann kann daraus nur folgen, dass wir begabt sind, kreativ zu sein in vielen Ausdrucksformen. Vorbei die Zeit, in der Begabung nur an der Geschicklichkeit bemessen war, etwas nachzumachen, sich anzupassen, Vorstellungen und Fiktionen zu folgen. Und das ist der Grund für unsere ganze Unsicherheit. Die Motorik unseres Körpers hinterlässt Spuren in Verbindung mit den Mitteln der Gestaltung und den Grundverhaltensweisen der Formen. Es gibt eine Menge Spiele mit Spielregeln. Unser Körper wird zum Instrument. Selbst mit geschlossenen Augen können wir alle Formen realisieren, die denkbar sind und sich aus unserer Körperbewegung ergeben.

Text von Alfred Darda

 

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Thomas Lange&Mutsuo Hirano „Kunst bauen“

“Man muss über Gefühle denken und über das Denken fühlen.” *1

Im Paradies war die Welt im Einklang und brauchte keine Bilder.

Nun leben wir in der Diaspora und sind seit Stonehenge auf der Suche nach dem verlorenen Garten, von dem wir uns Bilder machen.

“Wäre ich in der Lage, den Inhalt von Beethovens 7. Sinfonie wiederzugeben,

wäre es nicht notwendig, sie aufzuführen.” *2

Das in Worte zu fassende Bild ist ungültig, da es Text wird. Moralische Kunst wird zur Propaganda und überzeugt nicht durch sich selbst, sondern erpresst den Betrachter. Moralische Architektur scheitert, indem sie bestimmt, wie zukünftige Bewohner leben sollen.

Die Leute begeben sich nicht freiwillig ins Hamsterrad.

Das Drama der Moderne ist der Verlust des Platzes, der Mitte und der Zeit.

Auch kann ich die Vernichtungslager nicht vergessen und eine ungebrochene Figur erfinden. Der nostalgische Gegenentwurf ist ideologischer Natur und verabschiedet sich von einer Kunst, die ich meine:

-Gebrochen- transgressiv, verzweifelt und euphorisch, pathetisch und bescheiden -Mörder und Opfer- Hitler und Anne Frank-

Jede ideologische Form, auch wenn sie sich als Kritischer Realismus verkleidet, bringt Architektur und Kunst in die Gefahr, ein “ungedeckter Wechsel auf Bedeutsamkeit” *3 zu werden.

Die Unschuld der eigenen Aesthetik wird durch die Provokationen des Marktes auf die Probe gestellt. Dieser ästhetische Zwiespalt stellt den Künstler auf tönerne Füsse, die zwischen Narzismus und Verantwortung und zwischen Moral und Amoral hin- und herschwanken. Die tönernen Füsse auf denen Architektur steht, sind die Forderung nach einer solidarischen Gesellschaft auf der einen und nach einer Elite, die ihre Visionen verwirklicht auf der anderen Seite.

Die Architektur auf der Piazza della Vittoria im italienischem Brescia ist schön und stammt aus dem Faschismus.

Gibt es unmoralische Schönheit?

Das von vielen Künstlern nicht geliebte Museum MAXXI von Zaha Hadid in Rom

ist ein Beispiel für Architektur, die nicht dem Thema dient, sondern sich selbst als Kunstwerk feiern will. Die hier ausgestellte Kunst läuft Gefahr zu einem Kommentar der Architektur zu werden und damit zur Dekoration.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele, die mit einem thematischen Irrtum Grandioses hervorgebracht haben, wie es die Neue Nationalgalerie in Berlin von Mies van der Rohe zeigt.

Ein Bild ist gelungen, wenn es die Spontaneität eines Schimmelflecks besitzt, in dem die“Alexanderschlacht auftaucht” 4* und das uns in seiner scheinbaren Zufälligkeit “ nicht die Realität vergessen läßt , sondern eine größere schafft “.*5

Aber wird mein Bild zu meinen Nachfahren noch sprechen? Was wird von uns und unseren Gebäuden bleiben? Werden die Hochhäuser aus Glas die Jahrtausende überstehen wie einst die griechischen Tempel? Oder werden nur unterirdische Parkhäuser und Ruinen von Atomkraftwerken übrigbleiben, die in 4000 Jahren vielleicht als religiöse Begegnungsstätten interpretiert werden?

Im Hier und Jetzt steht der grosse Zufall des Lebens in zwiespältigem Einklang mit den schnellen und chaotischen urbanen Bewegungen, die sich in der Architekur wiederspiegeln. Der Architekt wird zum Regisseur des Stadttheaters, in dem alle die Hauptrolle zu spielen scheinen:

Jeden Vormittag breiten Hunderte von Vucomprà*6 in Rom ihre Waren auf der Ponte San Angelo aus. Der Ausruf “Achtung Polizei !” gibt den Startschuss für eine Choreographie, die sich wie ein Tsunami über die gesamte Szene ergießt. Alle packen eiligst ihre Waren in der immer gleichen, grauen Plastikplane zusammen, die sie sich auf die Schultern packen, um sich dann zu erheben, als wären Bewegung und Rythmus einstudiert. Für einen kurzen Augenblick wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die sich wiederaufrichtenden Dominosteinen zu gleichen scheint, in ihrer wahren Eleganz jedoch ein Grosstadtballett darstellt. Einen Augenaufschlag lang sind wir -die Touristen- mit ihnen -den Anderen- eins.

Als wären wir Zeugen einer Aufführung, die die Schönheit des alltäglichen Zufalls feiert. Alle auf der Brücke spenden begeistert Beifall.

Einen Atemzug lang sind alle Menschen Geschwister. Meine Verbrüderung mit dem neben mir stehendem- Sekunden –Freund- ist von kurzer Dauer.

Sofort werden wir wieder Käufer und Verkäufer, Tourist und Vucomprà ,

als ob wir nur so der “Peinlichkeit” dieser unmöglichen Freundschaft entfliehen können.

Ich kaufe eine Sonnenbrille und wir lachen.

 

*1-* 2     Daniel Barenboim

*3            Koudelka             

*4            Leonardo da Vinci

*5            Sigmund Freud

*6            afrikanische Strassenverkäufer

Text von Thomas Lange&Mutsuo Hirano

 

 

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