Alfred Darda – Die Darstellung des Menschen in der Malerei

Die Darstellung des Menschen in der Malerei

Es gibt viele Möglichkeiten, den Menschen bildhaft zu gestalten. Um die Jahrhundertwende war es selbstverständlich, dass anatomische Richtigkeit verlangt wurde. In der Akademie zeichneten die Schüler auch noch nach Gipsmodellen. Es stimmt oder stimmt nicht wurde beurteilt nach den Genauigkeiten und Übereinstimmung mit dem Modell. Expressive, individuelle, frei gestaltete Darstellung wurde negativ beurteilt. Viele schöpferisch begabte Künstler flohen dann aus der Akademie, um ihr wahres Künstlertum zu retten.

Es war die Zeit, in der viel verleugnet und kaschiert wurde, und die wirkliche Kunst bezeichnete man als entartet. Dieser Begriff ist uns ja noch vertraut von der Zeit, als Deutschland im schwarzen Loch steckte. Aber es ist heute längst selbstverständlich geworden, dass die Kunst sich entfaltet aus der inneren Notwendigkeit, wie es Kandinsky oft in seinem Buch „Das Geistige in der Kunst“ erwähnt. Die Darstellung des Menschen ist gebunden an seine Ganzheitlichkeit bis in sein Innerstes hinein. Wenn die Endform jeglicher Darstellung nicht vom schöpferischen Prozess bestimmt ist, verliert sich eine Aussage im Oberflächlichen.

Die Fotografie deckt den Bedarf nach gegenständlichen Bildern ab und ersetzt glaubwürdig das Bedürfnis nach Interpretation und Dokumentation. Die Malerei hat völlig andere Möglichkeiten und ist in der Lage, die existenzielle, seelische Situation des Menschen zu gestalten und die Eigenschaften miteinander zur Wirkung zu bringen. Jegliche Darstellung des Menschen darf vor allem nicht auf Kosten der Malerei und der Gestaltung dargeboten werden. Das Phänomen Malerei ist ja endlich auf der Stufe der Musik angekommen, die immer schon freier war, und niemand wird behaupten, dass die Darstellung des Menschen mit den Mitteln der Musik unmöglich ist. Beethoven, Mozart und alle anderen großen Musiker verwirklichten das Bild des Menschen durch ihre Musik.

Die Malerei hat heute die gleiche Möglichkeit, zum Glück, Dank der Revolution, die in der bildenden Kunst stattgefunden hat. Ein echtes Kunstwerk ist ja letztlich auch die Darstellung der Persönlichkeit des Menschen, der es geschaffen hat. Denn nur, wenn er alles einbezieht, was zu ihm gehört, ist es authentisch und glaubwürdig. Es kann nicht mehr glaubwürdig sein, wenn in illustrativer, oberflächlicher Weise wie im 19. Jahrhundert durch den Naturalismus alles verharmlost wurde, alles kaschiert und verleugnet war, was wesentlich unter der Oberfläche rumort.

Es geht darum, mit den reinen Mitteln der Malerei das Bild des Menschen mit dem Blick in seine innere Existenz hinein glaubwürdig zu gestalten. Es gibt sehr viele gute Beispiele von großen Künstlern, die Maßstab bildend sind. Rückfälle in die bequemere Interpretation und oberflächliche Betrachtungsweise sind letztlich nur auf geistige Bequemlichkeit und anspruchslose Erwartungshaltung von einem Großteil des Publikums zurückzuführen. Der Markt bedient aber da, wo eine Mehrheit entsteht.

Nichts desto trotz ist ein hoher Maßstab gesetzt, und gerade heute, wo Menschenverachtung und Innenweltverschmutzung mit der Umweltverschmutzung Hand in Hand gehen, wird es von allergrößter Wichtigkeit, das Bild des Menschen deutlich sichtbar und in der Kunst zum Thema zu machen.

Jeder Mensch hat die Motivation zu sich selbst als schöpferisches Potenzial in sich. Alles, was wächst, wächst von innen nach außen und setzt nicht da an, wo Fremdbestimmung und Vernutzung und Verzweckung Frust schaffen. Die Sehnsüchte des Menschen nach Liebe, Poesie und Erfüllung werden schamlos umfunktioniert und in Sehnsüchte nach Konsum umgewandelt. Die Darstellung des Menschen in Musik, Malerei und Tanz eröffnet weiterhin und noch verstärkt für den Künstler eine hohe Aufgabe. Es genügt bei Weitem nicht, sich zu begnügen mit Interpretationen, die über die Darstellung der Oberfläche nicht hinausgehen. Die zeichenhafte Darstellung wird wesenhafter sein, wenn diese Zeichen für die Eigenschaften stehen, die in der Wirklichkeit vorhanden sind.

Wir haben alle erlebt, wie Gesichter und Figuren in Mauern, Felsen und Wolken auftauchen. Unsere Phantasie wurde angeregt, und all die Hintergründe, Erinnerungen, eigenes Erleben wurden wach. Die Erkennbarkeit von Kopf und Figur ist nicht abhängig von der Identität mit der äußeren Form der anatomischen Richtigkeit. Was zählt, ist die malerische Umsetzung und das Entstehen eines autonomen Bildes mit individueller Färbung. Die Hauptmerkmale des Themas Mensch werden zeichenhaft gestaltet. Die Endform in der Malerei kann nur durch den Prozess der Gestaltung entstehen. Diese Prozesse werden geopfert, wenn wir an der Oberfläche der Form hängen bleiben. Der Prozess wird die innere Situation des Menschen integrieren und gestalten und damit erst die Darstellung des Menschen glaubwürdig machen.

All diese Betrachtungen schließen aber nicht aus, dass es weiterhin nützlich ist, das Zeichnen nach dem Modell als einen Aspekt des Studiums zu nutzen. Und es wird weiterhin eine freie Entscheidung sein, wie weit jemand diese Erfahrung als Teil nutzt und weiter geht oder da stehen bleibt, wo er sich wohl fühlt. Sowohl als auch soll bleiben. Wir können nur die Kunst der Unterscheidung üben, um wählen zu können. Jede Aussage hat eigenste Kriterien – die sollte ich kennen, um zu spüren, wohin mein Innerstes mich treibt. Die Geschicklichkeit, das Können, ist nur ein Teil und betrifft den handwerklichen Bereich. Die Kriterien des rein künstlerischen Bereiches sind nicht durch die Oberfläche der Natur zu erfahren. Da müssen wir uns mit den Ursachen, den Grundverhaltensweisen der Wirklichkeit beschäftigen. Ursprungsform und Endform stehen in engem Zusammenhang. Je mehr ich die innere Wirklichkeit meiner eigenen Natur mit der inneren Wirklichkeit aller übrigen Schöpfung in Zusammenhang bringe, umso selbstverständlicher gestalte ich wie die Natur und nicht nach der Natur.

Interessant ist es, dass die Proportion des Körpers rein dynamisch darstellbar ist, wenn die Bezugspunkte des Körpers in Beziehung zueinander gebracht werden. Dann erkennen wir immer auch eine Figürlichkeit als freie Gestaltung. Zusätzlich ist auch der Raum für die Formgebung mitbestimmend.

In diesem Sinne meint der Künstler Willy Baumeister, dass der Naturalist außerhalb der Natur steht und der Formkünstler in derselben. Wir müssen uns immer wieder entscheiden, wie weit wir am schöpferischen Prozess beteiligt sind. Wenn Vermittlungsarbeit sinnvoll ist, dann fördert sie nicht das Nachmachen, sondern fördert nur die Möglichkeit, uns zu erkennen. Es ist ja alles da, man sollte es nur freisetzen. Das führt zur schöpferischen Freiheit, die dann nicht mehr missverstanden wird.

Text von Alfred Darda

 

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