LIEBLINGSSTÜCKE – Martin Praska „A Bigger Splash“

„Wirklich große Kunst besitzt die ewige Jugend“

Bad Reichenhall. In einer gemeinsamen Aktion wollen Heimatzeitung und Kunstakademie Bad Reichenhall die Zeit der geschlossenen Museen und Galerien überbrücken. Dozenten verraten ihre „Lieblingsstücke“ der Kunst und warum sie für sie eine Bedeutung haben. Heute verknüpft Martin Praska „A Bigger Splash“ von David Hockney unter anderem mit dem Kultfilm „Die Reifeprüfung“. Er schreibt:

„California Dreaming: Der College-Absolvent Benjamin Braddock weiß nicht viel mit sich anzufangen. Also platscht er erstmal mit Taucheranzug in einen Swimming-Pool. Dann wird er von Mrs. Robinson verführt, was eine Menge Unbilden und Verwicklungen zeitigt, bevor er endlich mit Elaine, Robinsons Tochter, durchbrennen kann. Wohltönend dazu Sound of Silence von Simon and Garfunkel. The Graduate, auf deutsch Die Reifeprüfung. In der Hauptrolle Dustin Hoffman.

Einer des größten Platscher der Pop-Art-GeschichteSame time, same place, another pool: Ein größerer Platscher von David Hockney gehört zweifellos zu den größten Platschern, die die Pop-Art hervorgebracht hat. Das Bild misst etwa 2,4 Meter im Quadrat. Über das Sofa passt es also nicht. Doch abgesehen davon, dass es in der Londoner Tate Gallery ohnehin schon ganz ansehnlich hängt, und das Museum es so ohne Weiteres nicht mehr herausrücken würde, wären dafür noch einige Millionen Pfund Kleingeld zu berappen.

Keine Frage, der heute 83-jährige Hockney zählt zu den ganz Großen unter den malenden Zeitgenossen. Nicht von ungefähr. Schon mit jugendlichen 30 greift er zu einer entsprechenden Leinwand. In Los Angeles, quasi unter dem Sternenhimmel Hollywoods. Summer of Love,1967. Die Beatles verkleiden sich als Sergeant Peppers Lonely Hearts Club Band. Israel wird in sechs Tagen mit einer militärischen Übermacht von Arabern fertig. Und ich sitze unschuldig hinter einem Gitterzaun im Kindergarten. The Mamas and the Papas am Höhepunkt aber weit weg. Und ich keine Ahnung davon. Wie lange ist das her? Der Vorteil von wirklich großer Kunst ist ja ihre ewige Jugend. Was im Wesentlichen auch ihren Preis ausmacht. So wie in diesem Fall: Der Pool von David Hockney – ein Jungbrunnen. Wenn ich A Bigger Splash betrachte, fühle ich mich wie der 30-jährige D. H., nein, nicht wie Hockney, wie der gleichaltrige Dustin Hoffman, der den 20-jährigen Benjamin spielt und sich zwischen Mrs. Robinson und deren Tochter entscheiden muss. Oder wie Alain Delon mit Romy Schneider in dem Film… na, wie hieß er doch?… La Piscine/Der Swimming Pool. 1969. Schneider und Delon waren zu dem Zeitpunkt als Paar übrigens schon getrennt. Das macht die Erotik besonders pikant. Alles eine Illusion.

Die Realität: Draußen Corona, die Seuchengefahr. Die Wirklichkeit schaut so aus: Draußen Corona, die Seuchengefahr. Drinnen sitze ich und betrachte die Outdoor-Szenerie in Acrylfarbe auf Leinwand. Am Bildschirm. Niemand zu sehen. Ausgangssperre? Wiewohl der Platscher die Vermutung nahelegt, dass da wer sein muss, der gerade untertaucht. Eine mit dem Lineal gezogene Menschenleere, blau in blau, mit rosa Bungalow, zwei kerzengeraden Palmen, alles waagrecht – senkrecht, plus ein diagonal über die türkis angestrichene Wasserfläche hineinragendes Sprungbrett. Soweit so langweilig.

Drüben steht ein verlassener Klappsessel. Neue Sachlichkeit, würde ich sagen. Oder vielmehr die altbekannte. Wenn nicht, ja wenn nicht dieser weiße Platscher so plötzlich aufspritzen würde. Ein expressiver Stilbruch in der glatten öden Malweise, die Pointe im trägen Plot einer Badehosennummer. Kurz, eine veritable Arschbombe. Tatsächlich, ohne diesen Sprung ins kühle Nass, was wäre das schon?

Einem Architekturstudenten im ersten Semester, nach einem kurzen Blick auf Frank Lloyd Wright und mit einer gewissen Routine beim Malen-nach-Zahlen würde ich ein solches Bild durchaus zutrauen. Allerdings ohne den Platsch. Der Splash wie ein Flash wie ein Gedankenblitz zeugt von Genie. Und Hockney — sich seines Geniestreiches bewusst — fertigte gleich drei Varianten davon. Er wurde, wie es heißt, zu einer Ikone der modernen Kunst. Zigmal zitiert und persifliert. In der Reihe der Swimming-Pool-Filme sollte man deshalb auch noch den einen jüngeren Datums erwähnen: A bigger Splash von 2015. Tilda Swinton in der Hauptrolle. Ein sogenannter Erotik-Thriller und eine Hommage an Schneider/Delon, mehr noch, ein Remake von La Piscine.

Dabei gibt es schon einen Film mit dem selben Titel aus dem Jahr 1973: Eine Doku über den Maler David Hockney. Natürlich. Der markante Kopf mit strohblondem Schopf über runden Brillengläsern trauert um seine Liebesbeziehung. Gleichzeitig malt er seinen Ex-Freund, wie er am Beckenrand stehend auf einen tauchenden Mann hinab schaut. Übrigens ist Ölkrise, in Amerika der Watergate-Skandal. Und The Mamas and The Papas sind auch schon geschieden.“

DER DOZENT

Martin Praska, geboren in Wiesloch, studierte Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien. Der freischaffende Künstler absolvierte Auslandsstipendien in Krumau und London und stellte im internationalen Rahmen aus, ist präsent in öffentlichen Sammlungen wie Essl Museum Klosterneuburg, Lentos Linz, Museum der Moderne Salzburg oder dem Museum Angerlehner Wels.

Mehr Infos unter www.martinpraska.at.

Mehr Infos unter www.martinpraska.at.

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