Kettengeschichten E

Anfang bis Ende

Fünf Autorinnen – Fünf Texte – Eine Kette

E

nde

Schreiben wird immer selbstverständlicher.

Ich schließe meine Augen und klopfe mir auf die Schulter. Wie lange hat es gedauert, diese Bewegungsabfolge wieder zu erlernen? Anfangs konnte ich den Stift kaum halten. Mein Mann hatte ihn mir geschenkt, damals, nach der Lesung unserer Schreibwerkstatt in Bad Reichenhall.

Er liegt schwer in meiner Hand und wenn er über das Blatt gleitet, fließt die kobaltblaue Tinte gleichmäßig, mit einem durchaus kräftigen Strich dahin. Sie kann mit meinem Gedankenfluss Schritt halten. Dieser trägt mich zurück ins Jahr 2020. Als die Welt noch dachte, Corona wäre eine vorrübergehende Heimsuchung. Als viele von uns glaubten, ein paar Wochen Lockdown könnten die Menschen verändern, eine Rückbesinnung auf viel zitierte Werte bewirken, auf Zusammenhalt und Rücksichtnahme, auf einen kondenzstreifenfreien Himmel und selbstgekochte Mahlzeiten. Außer ein paar neuen Foodbloggern und DIY-Büchern ist nicht viel entstanden. Und auch die sind schon lange wieder im Dickicht des Internets verschwunden.

Weiterhin ist jede ihres Glückes eigene Schmiedin

Mein Glück, das sind dieser Stift und ein kleines Heft. Jede freie Minute übe ich. Buchstaben nicht nur aneinanderzureihen, sondern ihnen wieder meinen eigenen Schwung zu geben, in die Höhe strebend, ausladend, je nach Stimmung. Nach dem Schlaganfall kam ich mir vor wie ein vom Blitz gerissener Baum.


Hätten mir die Ärzte geraten, den kraftlosen Ast einfach abzuschneiden, ich hätte wohl zugestimmt.

Aber nein, da sei kein Grund aufzugeben, mit einer Reha und eiserner Disziplin könne ich in absehbarer Zeit wieder ein selbständiges Leben führen. Disziplin, nicht gerade meine Stärke. Mein Arm, meine Hände, meine Finger, sie alle versagten meinem Gehirn hartnäckig die Gefolgschaft. Ganz zu schweigen von meinem Gesicht, das ich bis heute im Spiegel suche.

Ob ich es lernen werde, mich ohne mein Lachen zu lieben?


Egal, daran darf ich nicht denken. Jetzt, wo es endlich wieder klappt mit dem Schreiben. Irgendwo muss ich ja hin mit all den Ängsten, Gedankensprüngen, mit der Wut, der Hilflosigkeit, auch dem Stolz, den verrückten Hoffnungsschimmern, der unbändigen Freude. Ich werde umspült, mitgerissen, ausgespuckt, irgendwo.


Das könnte ich mir für mein kleines Heft vornehmen: kleinste Texte, Bausteine, Ein- und Ausstiege, Stolpersteine, Bilder, Gedanken-landschaften.


Dann gehe ich wenigstens nicht meiner Tochter ständig auf die Nerven, die mit ihrer eigenen Familie und dem gerade nicht sehr zufriedenstellenden Job zu kämpfen hat.
Am Wochenende haben wir begonnen, den Garten umzugestalten. Ich möchte mehr Licht, eine zweite Sitzecke und wer weiß, vielleicht kann ich meinen Mann doch noch überzeugen, einen Hühnerstall zu bauen. Fürs Erste wurde der morsche Baum gefällt, ein Sandhaufen für die Enkel angelegt und der Kompost auf die Blumenbeete verteilt. Am liebsten hätte ich den Komposthaufen gar nicht angerührt. Die Minze und die Kapuzinerkresse, die ich im letzten Herbst darauf entsorgt hatte, hatten sich herrlich breit gemacht.

Habe ich nicht auch irgendwo einmal gelesen, dass auch Schreibende einen Komposthaufen haben sollten? Einen aus eigenen Texten. Mögen diese auch nur spontan, auf den ersten Blick nichtssagend, nicht wirklich gut sein. Um diese immer wieder aufzulockern, zu wenden, zu sieben. An die fruchtbare Erde zu kommen. So entstünden dichte Texte, mitreißende. Welch passendes Bild.

Alles, was mich berührt, wird ab sofort aufgeschrieben.

Noch sind seitenlange Ergüsse nicht machbar. Aber es fängt wieder an. Sogar eine Nadel kann ich einfädeln! Ich darf nicht vergessen, der Puppe meiner Enkelin das Knopfauge wieder anzunähen. Der Kater hatte Mia von der Couch stibitzt und misshandelt.

Jetzt aber muss ich mich fertigmachen.


Es fällt mir noch schwer, aus dem Haus zu gehen. Mit meinen Freundinnen ins Kaffeehaus. Den Blicken fremder Menschen ausgesetzt. Wie beim letzten Mal die Rothaarige am Nachbartisch. Sie hat immer wieder den Kopf zu uns (mir?) gedreht. Vielleicht war es auch wegen Monikas Lästerei über die Österreicher, die wohl trotz des Geklappers der Cappuccinotassen noch zu hören war. Ich weiß es nicht, jedenfalls habe ich mich nicht wohlgefühlt. Dieses Beobachtet-werden, Sich-verletzlich-fühlen.


I just want to see you laughing in the purple rain.


Mein Mann hatte mir das ins Ohr geflüstert, damals, vor der Bar, verschwitzt vom wilden Tanzen. So möchte ich mich wieder fühlen. Vor aller Augen. Und dazu brauche ich keine Hanteln, kein Powerbar. Kraft geben mir meine Worte, die all die Trippelschritte zurück ins Leben festhalten.

Purple rain, purple rain…
Ich trage das kleine Heft wie immer bei mir.

(Version VI)

Entstehung


Wie die meisten meiner Texte wird die erste Version zügig in einem Guss niedergeschrieben. Nach zahllosen schlaflosen Stunden am frühen Morgen. Noch im Bett, beim Zähneputzen, Autofahren drehen sich Textbausteine in meinem Kopf, werden von links auf rechts gedreht, verworfen, in eine Schublage gelegt und vergessen, ploppen in den unmöglichsten Momenten wieder auf. So lange, bis ich die Muße finde, mich ans Laptop zu setzen und die Finger über die dunkelgrauen Tasten springen zu lassen.

Als die, die den Endpunkt setzt, fühle ich mich verpflichtet, die Texte meiner Vorgängerinnen noch einmal aufzugreifen. (Es gelingt mir nicht bei allen.) Trotzdem soll es mein Werk sein, will meine Intention herausgearbeitet werden.

Wie so oft war ich erleichtert, endlich alles festgehalten zu haben. Auch darüber, dass es letztendlich leichter war als erwartet. Und doch spürte ich: die „Bissigkeit“ fehlt. Alleine fand ich sie aber nicht.

So sah die erste Version meines Textes aus.

(Version I)

Schreiben wird immer selbstverständlicher. Ich schließe die Augen und klopfe mir still auf die Schulter. Wie lange hat es gedauert, diese einst so natürliche Bewegungsabfolge wieder zu erlernen? Anfangs konnte ich den Stift kaum halten. Mein Mann hatte ihn mir geschenkt, damals, nach der Lesung unserer Schreibwerkstatt in Bad Reichenhall. Er liegt schwer in der Hand und wenn er geschmeidig über das Blatt gleitet, fließt die kobaltblaue Tinte gleichmäßig, mit einem durchaus kräftigen Strich dahin. Sie kann mit meinem Gedankenfluss Schritt halten. Dieser trägt mich zurück ins Jahr 2020. Als die Welt noch dachte, Corona wäre eine vorrübergehende Heimsuchung. …………

Weiterhin ist jede ihres Glückes eigene Schmiedin. Mein Glück sind dieser Stift und ein kleines Heft, das ich stets bei mir habe. Jede freie Minute übe ich zu schreiben. Buchstaben nicht nur aneinanderzureihen, sondern wieder meinen eigenen Schwung zu finden, in die Höhe strebend oder ausladend, je nach Stimmung. …….

  1. Überarbeitung
    Als nächstes kam Beate, unsere wertvolle Schreibbegleiterin, ins Schreibspiel. Sie hat den Text nur wenig verändert und doch um 180 Grad gedreht. Durch das optische Herausarbeiten von Kernsätzen, hie und da Straffung der Gedankengänge. Im Kern der gleiche und doch – mit einem Schlag – lädt der Text jetzt mit offenen Armen ein, ihn zu lesen.
  2. Überarbeitung:
    Video-Call mit meinen liebgewonnenen Mitschreiberinnen. Ihre Fragen und Anregungen zwingen mich, zu einigen Passagen (innerlich) Stellung zu beziehen.

Weiterhin ist jede ihres Glückes eigene Schmiedin. weibliche Form unpassend/sinnvoll/zu gewollt?
…………..
Nach dem Schlaganfall kam ich mir vor wie ein vom Blitz gerissener Baum.


Hätten mir die Ärzte geraten, den kraftlosen Ast einfach abzuschneiden, ich hätte wohl zugestimmt.

Tina hat erkannt, dass dieser Satz viel ausdrucksvoller ist. Entsprechend wurde der Text formatiert.

Ob ich es lernen werde, mich ohne mein Lachen zu lieben?

Angelika empfindet den Ausdruck „Lächeln“ passender. Ich ringe mit mir, aber es geht mir nicht nur um das Sichtbare, Lachen empfinde ich hier als das stärkere Wort, es bleibt wie es ist.

Jetzt aber muss ich mich fertigmachen.


Es fällt mir noch schwer, aus dem Haus zu gehen. …………….Ich weiß es nicht, jedenfalls habe ich mich nicht wohlgefühlt. Auch wenn mir nicht mehr viel Zeit bleibt, dieses Beobachtet-werden, Sich-verletzlich-fühlen, ich muss es schnell festhalten. Im Vertrauen darauf, dass ich mich schon heute Abend stärker fühlen werde. Ich werde nicht zu Wonder Woman mutieren, ganz klar, aber die hatte ja auch nie einen Schlaganfall. Jedenfalls nicht dass ich wüsste. Glücklicherweise trage das kleine Heft wie immer bei mir.


Warum endet der Text vergleichsweise negativ?


Nein, das gefällt mir eigentlich auch nicht. Ich empfinde die Frau in meinem Text doch selbst als stark, als eine, die sich nicht aufgeben wird, die ihrem Schicksal in die Augen sieht und sich nicht einschüchtern lässt. Beate findet im Lachen einen Aspekt, den man genauer beleuchten könnte. Wenige Tage später höre ich im Radio ‚Prince‘ und sofort fängt es an zu kribbeln. Dank der Anregungen kann ich das Ende neu vor mir sehen und unseren Kettentext zuversichtlich ausklingen lassen.

Liebe Beate, liebe A., liebe T., liebe K., liebe S., ich vermisse Euch. Ist es nicht verrückt, wir kennen uns nur vom Bildschirm und nur einen wirklich kleinen Ausschnitt der jeweils anderen, und doch sind wir uns in diesen beiden Kursen wirklich nah gekommen. Und ist es nicht der Wahnsinn, ohne Corona hätten wir uns gar nicht kennengelernt! Die Kunstakademie hätte nicht das Bedürfnis gehabt, zügig einen Kurs anzubieten, der über die neuen Medien realisiert werden kann. Es ist doch sehr unwahrscheinlich, dass genau wir auch einen Präsenzkurs in der Kunstakademie gebucht hätten. So sind wir in Köln, Laufen, Hannover, Ainring, Österreich und Berchtesgaden zusammengekommen. Die Zeit mit Euch war sehr wertvoll für mich und die Idee, uns doch einmal in Bad Reichenhall zu sehen und gemeinsam weiterzuarbeiten, die geben wir nicht auf, einverstanden? Beate, dir ein ganz besonders großes Dankeschön. Für Deine unvoreingenommene Neugier auf unsere Zeilen, für deine Bereitschaft, sich mit jeder von uns intensiv auseinanderzusetzen. Dafür, dass Du Dich mit uns auf den Weg gemacht hast, das Beste in jeder einzelnen zu finden. Für Deine Anregungen und Ermunterung. Es war mir eine wahre Freude!


Wir sehen uns? Herzlich-herbstliche Grüße, Ursula, Nov 2020


Ursula Karbacher

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