Kettengeschichten D – Seelenruhe ist auch kein bleibender Zustand

Anfang bis Ende

Fünf Autorinnen – Fünf Texte – Eine Kette

D

EGINN

Vorbemerkung der Autorin

Wollte meine Texte vom Handschriftlichen brav einsprechen und alle Technologien zur Vereinfachung nutzen, doch ist es für mich eine Verkomplizierung geworden, die mir den Fokus aufs Schreiben gewaltig vermieste, da der Blech-Trottel zum Beispiel meine eigenen Wort-Kreationen oder meinen Dialekt nicht verstehen kann. So ist das docs keine Erleichterung, sondern ermüdend und entmutigend zeitraubend zu BEDIENEN.

Lum En Sof, anschließend an Karin, Tina und Angelika, als Kettentexte, nachfolgend Ursula

Seelenruhe ist auch kein bleibender Zustand,

wenn du nicht selber auf all das hier acht gibst.
Worte, vernommen, geschrieben, gelesen, gesungen, unüberlegt gesprochen, fallen gelassen, um etwas zu bezwecken, ein Ziel zu verfolgen. Erlebtes, rund um Worte, verdichtet sich zunächst zu Eindrücken, die sinnlich und bildlich am Komposthaufen aller Erfahrungen landen.

Es ereignete sich am mit Loungemöbeln getarnten Wirtshaustisch, an einem im Grunde austauschbaren Weltenort, mittags, nicht nachts wie bei Heinrich Heine, und aber auch, wie er1 , um den Schlaf gebracht.
War es denn heute dein oder mein oder der Dialog einer lächelnden Frau mit hochrotem Kopf, blutunterlaufenen Skleren? Sie von mir ins Spiegelvisier genommen schon einmal beim Frühstück, danach nochmal, immer aber auf besagter Lounge, der momentan so beliebten Rattanimitate.
Sie mir noch bekannt von vor drei Stunden, eben frühmorgens, an einer Weißen und einem Klaren, einem sogenannten Männergedeck und einer Zigarette genüsslich zuzelnd, saugend. Jetzt, zu Mittag, bei selbigem Menü, ließ sie vernehmen:

Kann net nach Kroatien fahren, weil i jo nit weiß, was den Österreichern wieder einfällt. Leider kann I a nit zum Gardasee. I kann Österreich nit umgehen oder umfahren, und schon gar nit fiele mir ein, in Österreich Urlaub zu machen.

Diesen Monolog drei bis viermal wiederholend, entweder um den Österreichern am Nachbartisch, uns in diesem Fall, ein schlechtes Gewissen zu machen, dass wir uns zwischen sie, ihren Urlaub und die erstrebenswerten Urlaubsdestinationen gestellt haben. Oder um endlich von ihren Trinkkumpanen nämlich eine bedauernde Reaktion zu bekommen. Wobei einer, der Preuße übrigens, der später mit der Nennung dieses Wortes mundtot gemacht werden wird, anderntags am selben Platz sogar saß, wie eine stehengelassene Schachfigur auf dem Brett, wo über Tage hinweg das Vorhaben liegt, ein und dieselbe Partie auszutragen, und möglichst lange nicht zum Abschluss zu kommen.

Ihr Gegenüber, nicht weniger hochroter Kopf, nicht weniger blutgeädertes Augenweiß, mit Blicken zu uns und gewahr unseres österreichischen, ja fast wienerischen Akzents, bemüht sich schließlich doch um eine Erwiderung, ganz gelassen:

Derweil wär’s jetzt in Kroatien so schön, ohne die Österreicher, vor allem ohne die Wiener, weil wenn ich die schon sehe. Und am Gardasee blieben die dir jetzt auch erspart, da hast höchstens nur noch ein paar Italiener.

Es waren keine 1, 5 Meter Abstand zwischen Ihnen und uns. Es ist eingefahren ins Mittelohr, begleitet von einem Schwindel samt Tinnitus, wie eine Rakete, als Rache auf das Bombardement dieser wundervollen Stadt in ausgerechnet den letzten Kriegstagen im April 1945.

Mich jedenfalls hat es nicht versöhnlicher gestimmt, als sie auch etwas über die Preußen sagten, auf der Lounge. Es waren zwar nur subtile, dennoch wort- gewalt(tät)ige Eindrücke, eben Sinnes-Reize – als Erfahrung, die zu einem Gase und Wärme bis Hitze freisetzenden Komposthaufen werden, woraus der fruchtbare Boden unserer Geschichten wird.2 Wäre mein verstörtes Ekelgefühl auch virtuell, so bräuchten wir uns um die Verantwortlichkeit gegenüber dem Leser, der Leserin nicht zu bangen.
Bliebe es meine Verantwortung, um uns solch eine Geschichte zu ersparen?
Oder wie Anne Frank einst angeblich meinte: „Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu verändern.“ ( Im Vorwort zitiert eines Programmes genau dieser Stadt).

Die Zeit der mächtigen Platanen dieser Stadt, die sich über eine gesamte Straßenbreite spannen, ist vielleicht bald aus durch den Klimawandel.
Notiz und Randnotiz: Freud sagte, wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen, aus allen Poren dringt ihm der Verrat. Im Gegensatz dazu stünde das Bibelzitat, wer Ohren hat, der höre!
Mit dem glücklicherweise „exakt eingehaltenen Mindestabstand zum gesunden Menschenverstand“3 erreichen wir unser-geheimes- globales Ziel unbemerkt, viel Seelenruhe, hergestellt dann, wenn wir uns in Massen vernichten.
Sind wir nicht rege den verschiedensten Wähnen erlegen im Namen von Notwendigkeit, die ich mir hier an dieser Stelle erlaube, ein enormes, unersättliches Unterhaltungsbedürfnis zu nennen. Weil ich nicht anders kann, als von mir auf andere zu schließen.
Ruhe ist ja nicht unser gemeinsames Ziel. Auch nicht das des SchreibWirs, die Verfasserinnen des Kettentextes. Seelenruhe auch nicht als Ziel -oder etwa doch – der Dame mit dem Herrengedeck, die mir am nächsten Abend, einem großen Hund hinterher hastend, wieder begegnete, mit den leise geschrieenen Worten: „Beeil dich endlich, i hob jo net den ganzen Tag Zeit. Tua endlich weida, i hob jo a no was anderes zu tun.“

Die einen wollen wiedergeboren werden, die anderen in den Himmel kommen, wo es sich weitab von Seelenruhe bunt bis poly abspielt, weil Seelenruhe „Gott/Göttinnen sei Dank“ kein bleibender Zustand, nicht erwünscht, weder im Hier noch im Jenseits.
Die Methoden, diese Ruhe oder diesen Frieden zu erlangen, werden westlich flink zur Selbstoptimierung und zum Managen von Human Resources zweckentfremdet und instrumentalisiert.
Ich sage es nicht, wiederhole nur Gehörtes, Eingebürgertes in der neu modulierten Ethik :

-Patientengut-

-Mitarbeitergut-

Ich sagte: Menschen. Dennoch bliebe auch hier die Frage, wo der Unterschied sei zu nachfolgendem Wunsch.

Am Wirtshaustisch wäre mir eine Gruppe von Menschen lieber gewesen, die sich am Tisch ihrer Meinung und Hasstiraden schweigend in ihren Online Gruppen postend entledigen und unsereins die Seelenruhe bewahren hätte können.

So kam es, dass auch diesmal Seelenruhe kein Dauerzustand blieb.

Und Schreiben wird immer selbstverständlicher.

Lum En Sof

1[1] Nachtgedanken, H. Heine, 1844: Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht…..

2[2] Hier darf ich auf die Formulierung meiner Schriftstellerkomplizin Bezug nehmen , zitieren

3[3] Hier darf ich auf die Formulierung meiner Schriftstellerkomplizin Bezug nehmen , zitieren

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