Kettengeschichten B

Anfang bis Ende

Fünf Autorinnen – Fünf Texte – Eine Kette

B

EGINN

schreiben – verwerfen – sammeln – verändern – zuhören – formen:  schreibend wachsen

Ich schreibe den mir vorgegebenen Anfangssatz und Schlusssatz des Kettentextes auf:

Ich habe die Hausaufgabe nicht verstanden

Und dann fällt der morsche Baum

Daraus entstehen 2 sehr unterschiedliche Texte.

Unverstanden und Dazwischen

Wie es mir schon im ‚Fenster zur Strasse I‘ passierte, wächst bei mir Lyrik aus dem Narrativen.

Unverstanden

Unverstanden

Christina 13.7.20

Ich habe die Hausaufgabe nicht verstanden. Dieser Satz gefällt ihr nicht. Liegt es an dem Satz an sich, oder vielmehr an dessen Inhalt? Kann sie damit nichts anfangen anders als mit dem Satz, mit dem sie angefangen hat? Sie soll damit ja auch gar nicht anfangen sondern, genau gegenteilig, damit aufhören. So zumindest die Vorgabe. Hat sie also mit dem Bekenntnis dazu, dass dieser Satz nicht so recht zu ihrem Text passe, dessen Inhalt umgesetzt? Sprich – die Hausaufgabe nicht verstanden?

Betrachte ich ihre grandiose Abschlussarbeit des Vorgängerkurses, erschließt sich mir aber auch noch eine andere Erklärung dafür, weshalb ihr dieser Satz nicht gefällt. Oder möglicherweise nicht mehr gefällt. In “Schutzhütten und alternativen Rückzugsorten” hat sie sich ja eigentlich bereits mit Hausaufgaben auseinandergesetzt. Und sich an ihnen abgearbeitet? Sie schickt ihre Protagonistin auf die Suche nach deren Schutzhütte –  den Rückzugsort um sich aus Selbstzweifel und dem Gefühl des Nicht-verstanden-werdens, zu befreien. Die Ich-Erzählerin der Kurzgeschichte hat ihre Hausaufgabe gemacht. Die Schriftstellerin auch und sich daraus freigeschwommen. Jetzt fängt sie wieder an – neu an. Dem Rückzugsort, augenscheinlich gefunden, ist sie längst entwachsen und befreit sich daraus mit Pauken, Trompeten und einem modernen Essay vom Feinsten. Ganz selbstverständlich, scheinbar. Mit Aufgaben oder gar Hausaufgaben hat dieser Text nichts gemein. Er strotzt vor Energie und Tiefgründigkeit. Sie schreibt, sie habe Glück – aber das Glück haben wir, die wir mit ihr schreiben. Nein, dieser Satz der unverstandenen Hausaufgabe passt nicht. Nicht zu ihr, nicht zu ihrem Schreiben. Sie hat verstanden. Sie hat absolut Recht. Und sie fängt mit dem Anfangen an. Wieder.

Ich aber fange mit den nicht verstandenen Hausaufgaben an. Und danach? Nach mir? Die Verdichtung. Worte. Eines schöner als das andere. Worte. Wie füreinander geschaffen. Erhaben – durchdacht – nur eben dieses eine – auserwählt – kein anderes – wunderschön. Ich hingegen schreibe einen Haufen Kompost. Auch den Mist, den beide, die davor und die danach, bereits aus ihren Texten gefiltert haben.

Runde nicht zu schnell, lass fließen, arbeite nicht auf ein Ziel hin. Das sagt mir die andere. Wie jetzt? Ist mir mein Ziel nicht vorgegeben indem ich meinen Schlusssatz bereits kenne? Den Schluss, das Ende, oder das Ziel. Arbeitet nicht jeder immer wieder auf ein bestimmtes Ziel hin? Möglicherweise. Bei mir zumindest ist es so. Da hat sie recht. Die andere. Oftmals bekomme ich aber gar nicht mit wenn ich das Ziel erreicht habe. Es ist kein Band gespannt welches ich nach dem Endspurt mit meiner Brust durchtrenne, die Arme hochreißend, bejubelt von den Zuschauern die fähnchenwedelnd an der Ziellinie stehen. Nein, von alledem ist da nichts. Die meisten Ziele, die ich mir in meinem Leben stecke, erreiche ich unbemerkt. Unbemerkt von anderen und auch von mir selbst. Ich breche auch nicht zusammen, nach Luft ringend, glücklich. Ich laufe einfach weiter. Durchschreite mit der Ziellinie nur eine unsichtbare Etappe auf dem Weg zum nächsten Ziel. Das Tempo erhöht sich. Es wird anspruchsvoller. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Entschleunigung und Achtsamkeit kommt mir in den Sinn. Die neuen großen Worte. Wie ein Virus breiten sie sich aus in Management Trainings, Coachings und Teambuilding-Events. Eigentlich sind sie nur geklaut aus der Yoga Philosophie aber im Führungskräfteseminar ist davon nicht die Rede. Hier sitzen die Chefs von morgen, denen erzählt man nichts von Einatmen und Ausatmen. Das können die schon. Meint man. Der Coach aber pushed die Leader und erarbeitet zusammen ein Konzept für Mindful Leadership und eine Deceleration Strategy für nachhaltiges Management. Woow. Doch glücklicherweise schützen der exakt eingehaltene Mindestabstand zum gesunden Menschenverstand und der Mundschutz, genannt Hamsterrad, ausgezeichnet vor Ansteckung, beziehungsweise Umsetzung. Und so rudere ich durch die Aufgaben die mir das Leben stellt. Ich mir stelle. Immer weiter immer wieder. Aufgaben, die ich allzu gerne mit mir rumschleppe – mit nach Hause nehme. Nicht um sie dort zu bearbeiten – nein ich habe nicht einmal vor dies zu tun! Ich schieb sie ungeordnet in die Cloud. Weg, aber jederzeit abrufbar. Oberflächlich schön ordentlich und sauber.

Ich mache immer weiter. Gut geschützt vor Achtsamkeit und Entschleunigung – halte mein Mindestabstand zu mir selbst ein, indem ich laufe um das Ziel zu erreichen, welches dann unbemerkt an mir vorbeirauscht. Das nächste und übernächste bereits anvisiert. Den Ballast jederzeit griffbereit im Rucksack – auf dem Handy – in der Cloud.

Bis es auf einmal knackt.

Ein kleiner Windhauch genügt. Für den Riesen, über Jahrzehnte gewachsen, scheinbar mächtig und unbezwingbar, ist das letzte Stündlein gekommen. Ganz plötzlich. Von allen unbemerkt. Auch von ihm selbst.

Und so fällt der morsche Baum.

Und so fällt der morsche Baum.

Werdegang des Textes

Ich habe die Hausaufgabe nicht verstanden

Und dann fällt der morsche Baum

1.stichpunkte

Ich schreibe mir auf einen Zettel Stichpunkte, die mir spontan einfallen – zu den Sätzen aber auch zu einzelnen Worten daraus.

2.stream of consciousness

Eine Blokadenlöserübung von Beate aus dem 1. Kurs war, einen stream of consciousness zu schreiben- alles was einem spontan einfällt – laufen lassen- nicht auf Rechtschreibung achten- nichts löschen- alles einfach raus damit. Manchmal ergibt sich daraus eine Idee, etwas auf das man aufbauen kann, oder gar ein Text an dem weitergearbeitet werden kann. Aus dem 3. Bewustseinsstrom entsteht langsam etwas. Zufrieden bin ich damit aber nicht. Gleich der 2. Satz ist der, meiner Vorgängerin und er ist bei mir hängengeblieben, weil ich eigentlich genauso empfinde: ich mag den Satz nicht.

Email-Kommentar von Beate:

Email-Kommentar von Beate:

Liebe Tina,

danke fürs Schicken! Wie auch vor dir bei Angelikas Text, den sie auch mir schon früher als den anderen geschickt hatte, werde ich nicht ‘vor-kommentieren’. Das wäre in meinen Augen ein un-justes Vorwegnehmen des Workshoppings im Kurs…

Doch, ich meine zu verstehen, dass du Zweifel hast, ob das der Text ist, den du uns allen schicken möchtest? Welche Zweifel?! – möchte ich antworten. Ist dies nicht perfekt, mit etwas anzufangen, das man als gewagt, eventuell als überarbeitungs-würdig empfindet?

Ist das Arbeiten an einem Text schlechter als das sofortige Vorlegen eines scheinbar komplett gelungenen? Sagt das was, über den Autor des Textes?

Ich denke, dass JEDER TEXT anders auf einen zukommt, jedes Thema. Das hat nichts mit der Allgemeinen Qualität des Schreibens dieser Schreibenden zu tun, nein, nicht unbedingt!

Schwäche, scheinbare, ist oft Stärke! Denn sie ist Eingeständnis, Eingeständnis des Wunsches zu wachsen. Wachsen aber ist Ausbrechen aus etwas Starrem, Aufbrechen.

So, abschließend: Die Frage kann also nur sein: Hast du alles gesagt, was du sagen möchtest? hast du alles auf den Tisch gepackt, was dein Text angreifen will? Wirst du die Diskussion in die Richtung befeuern, die du möchtest?

Ich kann all diese Fragen nicht beantworten, das kannst nur du!

Vorstellung meines Textes Unverstanden in der Gruppe/ Workshop 23.7.2020

Vorstellung meines Textes Unverstanden in der Gruppe/ Workshop 23.7.2020

Zusammenfassung des Feedbacks der Gruppe:

Man merkt, dass du dich warmschreibst

Der Text schweift nicht ab, er hat einen stimmigen Aufbau

A. und K. fühlen sich durch den Text zu sehr in den Mittelpunkt gedrängt, in dem sie nicht stehen wollen, der Text hat das nicht nötig

Der Anfang kann weg

Warum über die Mitschreiberinnen schreiben, der Text steht für sich

– Kann der Anfang wirklich weg?

Der Anfang ist ein Teil der Entwicklung des Textes

Es ist auch schön zu sehen, wie sich der Text entwickelt

Kann er das nur mit diesem Anfang?

Warum der Titel ´Unverstanden´?

Mail an alle Kursteilnehmerinnen:

„Unschlüssig sein – das ist für mich das große Neue von KURS II. Es begleitet mich von Anfang an. Aber um ganz ehrlich zu sein, schon seit der Pause dazwischen. 

Ich schicke euch den am wenigsten ungelungenen Text, um euch überhaupt etwas zu schicken. Eigentlich aber möchte ich nicht einmal das. 

Ich bin nämlich derzeit so: 

Unschlüssig – Unsicher – Unzufrieden – Unfertig – Ungenügend

dann ändern – verwerfen – überdenken – löschen – wieder hervorkramen – Teile recyclen – wieder einfügen – oder doch alles weg? – neu anfangen – zurück zu davor – am Schluss immer noch unschlüssig. 

Was ist das: Unschlüssig sein? 

  • kommt das von Schlüssel? Den Schlüssel, den ich brauche für die verschlossene Tür die vor mir liegt? Den ich aber nicht habe?
  • kommt das von Schluss? Den Schluss, den ich zwar habe, der aber irgendwie keiner ist. Weil noch was fehlt. Es noch nicht vollständig ist? 

Im kurzen Emailaustausch mit Beate kam von ihr (mal wieder) ein herausragender Satz, den ich euch nicht vorenthalten möchte:

Ein gelungener Text ist so ein Drehen um sich selbst, das gerade dadurch all das Ungesagte drumherum OFFEN lässt. OFFENLASSEN ist die große Kunst bei großer Kunst.

Geht es euch ähnlich wie mir? Oder seid ihr genauso zufrieden mit euren Texten wie im 1. Kurs? Genauso überzeugt, dass es das ist?

Vielleicht doch noch mehr abschweifen oder aufmachen? Was meint ihr?“

—————————–

Nach der Vorbereitung zum Kurs am Abend, bei dem mein Text geworkshoppt wird, lese ich noch einmal meinen Text Unverstandendurch und mir fällt der Stichwörterzettel vom Anfang in die Hände.

Ich nehme mir die Stichpunktesammlung noch einmal vor und ergänze/ ändere:

Daraus entsteht verdichtet der Text Dazwischen

Ich entscheide mich zum Schluss der Stunde meinen Lyriktext vorzulesen, und bekomme sehr positiven Zuspruch.

´ Vielleicht konntest du das nur schreiben, weil du zuvor den anderen Text geschrieben hast? Er ist Teil des Prozesses.

Ich schicke den Text in die Gruppe und bekomme folgendes Feedback:


Liebe Tina, vielleicht spiegelt ja dein Text, dass du dich, was die Lebensphasen angeht, in der Phase DAZWISCHEN befindest, nach der Jugend, vor dem Älterwerden? Aber in der MITTE.

In der Mitte des Lebens, in der Mitte der Familie, usw.

Von der Phase dazwischen sollen wir, die Adressaten nicht zu viel erwarten.
Ist das ein Appell an dich selber? Und was heißt “nicht zu viel Erwarten”? Wer legt denn das Zuviel oder Nicht Zuviel fest?

Und du bist neugierig. Die Neugier sorgt für einen Anfang. Aber jeder Anfang ist auch ein Ende und jedes Ende ein Anfang und jedes Dazwischen ebenso ein Anfang und ein Ende.

Der Text wirkt wie ein Bilanz der Phase DAZWISCHEN.

Die Leserin möchte der Autorin sagen, dass sie JA zu dieser Phase sagen sollte..

Alle drei Texte: UNVERSTANDEN, MORGENSTUND und DAZWISCHEN haben etwas MITEINANDER zu tun. Vielleicht hast du die Möglichkeit, die Texte miteinander zu verweben? Oder die Texte, wie in einer patchwork Decke zusammen zu nähen?

Ja genau! Ich denke drüber nach WIE….


Ich habe den Text jetzt ein paar Tage gären lassen, bei mir, und jetzt scheint er mir noch mehr Richtung Prosa-Lyrik zu sein.


„fallen, gefallen, die gefallene, die, die gefällt, Fallen, Gefallen, die Gefallene, die, die Gefällt…“

Dazwischen

Dazwischen

Christina 23.7.20

Ich habe sie nicht verstanden, die Hausaufgabe.

du auch nicht? sie schon. ihn gibt es nicht. nicht bei uns.                                                                                   wir wissen es noch nicht. ihr möglicherweise schon. sie verstehen es bestimmt.                            alle zusammen. jeder für sich.

Am Anfang war die unverstandene Hausaufgabe.

Am Ende der morsche Gefallene.

so oder so ähnlich.

Neugierig?

Erwartet nicht zu viel.

Von dem, was dazwischen steht. 

Zwischen Anfang und Ende.

Nein – nicht wirklich.

Weder das eine noch das andere.

Dazwischen.

Nach dem Davor und vor dem Danach. 

Fallen – Gefallen – die Gefallene – die, die gefällt. 

Fällt es von selbst oder wird es gestoßen – zu Fall gebracht?                                                                             Gefällt und das Fällen oder das Fallen?                                                                                                                       Doch ward er morsch, alt, rott und faul – so ist es gut. So wie es ist. 

… und dann fällt er, der morsche Baum.   

Ich antworte:

Ich antworte:

Ich habe nochmal am Text geschrieben und den Anfangssatz dahingehend verändert, dass er dem Endsatz nahe kommt.

So wird strukturell gesehen sie, er, es behandelt – übertragbar auf jeden und alle.

Ich habe in den letzten Tagen eine Situation erlebt, auf die mein Lyriktext zu passen scheint – und ihm aus diesem Betrachtungswinkel einen gänzlich neuen Inhalt gibt. Interessant für mich. Darum auch das Spiel mit er sie es, egal ob man ihn oder sie missversteht – er oder sie fällt oder gefällt wird – es immer ein dazwischen gibt. Nach dem davor und vor dem danach.

Interessant so einem verdichteten Text eine neue Botschaft zu geben. Ich finde immer mehr Gefallen daran verdichtet zu schreiben 😉 Ich überlege aus dem verdichteten Text einen eignen, neuen Prosatext zu schreiben oder gar eine Kurzgeschichte?

Christina Fial

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