KETTENGESCHICHTEN A

Anfang bis Ende

Fünf Autorinnen – Fünf Texte – Eine Kette

A      

NFANG 

ES FÄNGT WIEDER AN.

I

ES, das Schreiben fängt wieder an. Unserer Pilotprojekt FENSTER ZUR STRASSE I bei der Kunstakademie Bad Reichenhall haben wir erfolgreich beendet. Unsere Texte sind nun im blog der Akademie zu hören. Wir sind stolz auf unsere Ergebnisse.

Im FENSTER ZUR STRASSE II geht es jetzt weiter. Beate will uns herausfordern. Das rein Spielerische sei jetzt vorbei, soll aber doch nicht gänzlich untergehen, fügt sie später beruhigend hinzu.

Also ein Spagat zwischen Lust und Frust, zwischen Druck und Freiheit und zwischen Form und formlos. Willkürsei aber auch vonnöten, verrät sie uns später.

Eigentlich ist alles erlaubt, aber eben doch nicht.

WER SCHREIBT, DER BLEIBT, sagt ein altes Sprichwort. Geht es also ums Bleiben, ums Verweilen, ums Festhalten?

Ein anderes Sprichwort sagt: MAN SPRICHT SICH ZUSAMMEN UND SCHREIBT SICHAUSEINANDER. Schafft Schreiben also Distanz? Was einmal auf dem Papier steht, kann nicht so leicht aus der Welt geräumt werden.

Da fängt die Verantwortung an, von der Beate auch gesprochen hat.

Warum schreibe ich?

Weil es Spaß macht mit Wörtern zu spielen? Weil man Erlebtes verdichten, aber auch umdichten kann? Weil man sich von Vorstellungen und Meinungen befreien kann? Weil man fabulieren darf? Weil man sich auf die Schliche kommen kann? Weil man auf Spurensuche geht?

Allerdings überzeugt ein Text nur, wenn er schlüssig ist. Das ist eine der Regeln, die man beachten sollte. Da hört die Willkür auf und das Logische beginnt. Zwar kann man der Logik bewusst ein Schnippchen schlagen, aber das muss ziemlich gekonnt gemacht werden und ist dann die Kunst des Schreibenden.

II

Es fängt wieder an, ES das Schreiben im Schreibkurs am 26.6.2020.

Ich bin zu der Zeit an der Ostsee und mache unerhörter Weise Urlaub – in Zeiten von Corona.

Tagsüber tauche ich in die heile Ostseewelt ein: Sonne, rauschendes Meer, Cappucino trinken, Eis essen, Fahrrad fahren, baden. Freude Ja, Genuss Ja, Sorge auch Ja, schlechtes Gewissen, auch Ja.

Abends schaue ich mir die Nachrichten über die skandalösen Zustände bei Tönnies an: Rumänen arbeiten in menschenverachtenden Arbeitsverhältnissen, sie sind menschenverachtend untergebracht und so entsteht ein hotspot von über 1000 Infizierten in Gütersloh. Positiv getestete kranke Arbeiter müssen trotzdem arbeiten. Wenn ein Arbeiter umkippt, werden die anderen angeschrien, dass sie sich nicht um ihren Kollegen kümmern dürfen, nachts sind sie zusammengepfercht in Notunterkünften, ohne Abstand, ohne Hygiene. Mir bleibt mein Urlaubsgefühl im Hals stecken. Und mir fallen Heinrich Heines Worte ein:

„Wenn ich an Deutschland denke in der Nacht,

dann bin ich um den Schlaf gebracht.

Zwei Bücher habe ich in den Urlaub mitgenommen:

Schreiben in Cafesvon Nathalie Goldberg und

Zeit, was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen von RüdigerSafranski

Es war eine unbewusste Wahl und ich war überrascht, dass beide Bücher so gut miteinander korrespondieren. Und so las ich mal in dem einen, mal in dem anderen.

Safranski schreibt in seinem Kapitel ZEIT DES ANFANGENS:

Im besonderen Maße hat es Literatur mit dem Abenteuer des Anfangens zu tun. Literatur ist im Verhältnis zum Ernstfall des Lebens ein virtuelles Handeln, ein Probehandeln. Der Autor springt mit seinem Vorstellungsakt aus der gewöhnlichen Zeitreihe heraus und probiert ein anderes Leben aus. So verstanden ist Literatur fast immer, egal welches ihr Thema ist, der Ausdruck eines neuen Anfangs, jedenfalls macht sie das Verlangen nach einem neuen Anfang häufig zu ihrem Thema.

Rausspringen aus der Zeit, einen Moment verewigen, in eine andere Figur schlüpfen,

die Zeit beim Schreiben vergessen, Erlebtes verdichten, Zeitspannen raffen, Augenblicke vergrößern, Vergangenheit im Brennglas punktuieren, Rückblenden, Gegenwart und Vorausschau bündeln, in zeitunabhängigen und zeitübergreifenden Symbolen schreiben und sprechen, all das kann Schreiben und oft gelingt es am besten, wenn es absichtslos geschieht, denn dann schreibt unser kreatives Unbewusstes mit. Diesen Spagat zwischen Bewusst und Unbewusst, zwischen Absicht und Absichtslosigkeit, zwischen Ordnung und Chaos macht literarisches Schreiben so reizvoll für mich. Sinne, Gefühle und Gedanken verschmelzen zu etwas Einzigartigem, der Zeit Entflohenem und in der Zeit Geschehenem.

Konkret: Wie schafft man das, wenn man vor einem leeren Blatt Papier sitzt?

Natalie Goldberg schreibt über Zeit und Augenblick:

Stellen Sie sich ihren Körper als Komposthaufen vor: Wir sammeln Eindrücke und Erfahrungen, die wie Eierschalen, Spinatblätter und gebrauchte Kaffeefilter zersetzt werden und Gase und Wärme freisetzen, um dann zu fruchtbarem Boden zu werden. Auf diesem fruchtbaren Boden blühen unsere Gedichte und Geschichten. Aber dies geschieht nicht sofort. Es braucht Zeit. Immer wieder müssen die organischen Einzelheiten Ihres Lebens aufgelockert werden, bis einige dieser Teilchen gefiltert den Abfall irrelevanter Gedanken durchdringen und auf die schwarze Muttererde zurückfallen.

Wir brauchen also Zeit für unseren literarischen Komposthaufen. Und was brauchen wir noch? Aus meiner Sicht brauchen wir Vertrauen in den Prozess des Schreibens.

Es darf auch erstmal „Mist“ geschrieben werden, der dann gefiltert wird. Hauptsache wir schreiben. Und wir müssen dem Augenblick vertrauen, in dem sich etwas entwickelt und das was sich dann entwickelt ist eine Wahrheit im Augenblick und nicht für die Ewigkeit.

Natalie Goldberg rät uns Schreibenden:

Bleiben Sie beweglich hinter den Wörtern, die schwarz auf weiß zu lesen sind. Diese Worte sind nicht Sie. Sie gehörten einem großartigen Augenblick, der Sie durchdrungen hat. Einem Augenblick, in dem Sie wach genug waren, ihn in Worte zu fassen.

III

Auf Beates Vorschlag eine Kettengeschichte zu schreiben, lassen wir uns bereitwillig ein, ohne zu ahnen, was da auf uns zukommt. Sie gibt den ersten und den letzten Satz der Kettengeschichte vor. Ich soll den Anfang machen mit dem Satz:

Es fängt wieder an. Der Satz gefällt mir und ich kann viel damit anfangen. Und es darf auch ein Essay sein. Da habe ich Glück.

Der letzte Satz gefällt mir überhaupt nicht und ich weiß  nicht, ob er zu meinem Text passt, aber natürlich verwende ich ihn. Er lautet:

Ich habe die Hausaufgabe nicht verstanden.

Kommentar zum Schreibprozess:

VOM GLÜCK des ANFANGENS oder vom GLÜCK des ANFANGS.

Ich muss Teil 1 der Kettengeschichte schreiben:

1.Satz: Es fängt wieder an und

Letzter Satz: Ich habe die Hausaufgabe nicht verstanden.

Ich darf anfangen.

Ich fange gerne an.

Anfang bedeutet FREIHEIT.

Keine Vorgänger, keine Altlasten.

Mit dem Weitermachen haben die Nachfolgenden zu tun.

Und mit dem letzten Satz werde ich lässig fertig.

Ich fühle mich frei wie ein Vogel, der lustvoll von Zweig zu Zweig fliegen kann.

Der Text fließt mir aus der Feder, ein kleiner Schreibrausch, wie ich ihn selten erlebe.

Beates Provokation ist gelungen.

Die Nachfolgerinnen und die Leiterin bemängeln nur Fomalien. Der Text steht.

Es ist einer von diesen Texten, die seltenes Glück sind.

Oder zumindest empfinde ich es so.

A.D.G. 1.10.2020

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s