Nachlesen: Abgehängt – Creative Writing Workshop

Abgehängt, ©Ursula Karbacher

Zwei Stunden zu früh. Wie jeden Samstag. Er sitzt immer ganz rechts, auf dem letzten Eck der Bank. Es ist kühl, aber er trägt wieder nur die gewohnte, ausgeleierte Trainingsjacke, deren Farben noch schwach an die 80er Jahre erinnern. Die Mütze, die ihm einmal eine der Tafel-Mitarbeiterinnen geschenkt hat, setzt er nie auf. Neben ihm steht ein zerschlissener Einkaufstrolley. Seine grauen Haare müssten dringend nachgeschnitten werden, sie hängen strähnig herunter. Sein Körper ist aufgedunsen, vor allem die Beine. Wenn man ihm näherkommt, verströmt er einen leicht säuerlichen Geruch. Er ist einer der treuesten Tafelgäste. Nicht nur die große Auswahl an frischen Lebensmitteln, die er Woche für Woche hier erhält, lässt ihn jeden Samstag rechtzeitig aufstehen. Jetzt kommt die Tafelmitarbeiterin. Guten Morgen Herr W., schön, dass Sie da sind. Wie auf Knopfdruck fängt er an zu reden. Erzählt von seiner depressiven Frau, die zuhause im Bett liegt. Die pedantisch darauf achtet, dass der Vorhang korrekt aufgezogen wird. Herr W. ist selbst körperlich stark angeschlagen, die Knie müssten dringend operiert werden. Doch damit wäre ein Krankenhausaufenthalt, womöglich sogar Reha verbunden. Er traut sich nicht, seine Frau sich selbst zu überlassen. Mach ma, bring ma, dua ma, lass mi ned aloa. Immer wieder erzählt er, dass seine Frau ihn fast nicht aus dem Haus lässt. Dass sie oft aggressiv wird, an ihm herumnörgelt. Dass er sie eigentlich verlassen möchte, aber dann hätte sie ja wirklich niemanden mehr. Seit 30 Jahr mach i des mit.

Ab und zu dreht Herr W. eine Runde durch den beschaulichen Ort. Er hat kein Auge für die schmucken Bürgerhäuser, die schicken Cafés, exquisiten Boutiquen oder lässigen Bergsportgeschäfte. Erst beim Gasthaus bleibt er stehen. Die vielen Urlauber, die sich hier in der Sonne an den rustikalen Holztischen Schweinshaxn servieren lassen, freuen sich über das bayerische Flair. Passt ois? Fritz, Wirt und Koch in einer Person, kommt persönlich an die Tische und begrüßt Hamburger, Heidenheimer und Asiaten. Was für ein strammer Typ. Herr W. kennt ihn noch aus der Zeit, als er selbst als Spüler hinter den Kulissen stand. Es war ein Knochenjob. Arbeitsbeginn um zehn Uhr, das Ende oft erst zwölf Stunden später. Den ganzen Tag stehen, bücken, heben. Vierzehn Teller auf einmal, das geht mit der Zeit auf die Gelenke. Und was alles weggeworfen werden musste! Fritz trieb seine Mitarbeiter manchmal bis über die Schmerzgrenze an. Erst kurz vor Dienstschluss, wenn die Hilfsköche vor Müdigkeit kaum noch ein Messer halten konnten, das Servicepersonal die Tischdecken für den nächsten Tag glattstrich und Herr W. die Spülmaschine zu letzten Mal ausräumte, ging auch ihm die Luft aus. Dann holte Fritz den kalten Braten und frisches Bauernbrot raus und bereitete für alle eine Brotzeit zu.

Irgendwann konnte Herr W. nicht mehr so, wie er sollte. Keine Arbeit, noch weniger Geld. Er musste zur Tafel. Mit Grauen erinnert er sich an das erste Mal. Seine schmerzenden Knie trugen ihn nur widerwillig dorthin. Es standen bereits zahlreiche Menschen an, er zögerte. Eine Frau kam auf ihn zu. Sie lächelte. Und er wäre am liebsten umgekehrt. Er folgte ihr durch die wartende Menge, hinein in ein kleines Büro. In seinem Rücken neugierige Blicke. Die Belege seines Einkommens vor einer völlig Fremden offenzulegen kostete ihn Überwindung. Noch nie in seinem Leben hatte er Geld im Überfluss. Es reichte gerade so für die kleine Wohnung mit Ölofen im dritten Stock, für sich und seine Frau. Der einzige Luxus, den er sich gönnte, waren Blumen für seinen Balkon. Hier konnte er eine kleine farbenfrohe Welt schaffen, die nur ihm gehörte. Wenn er die Balkontür schloss, waren die Rufe seiner Frau nur noch schwach zu hören. Diese kleine Flucht rettete ihn so manches Mal.  

Inzwischen kommt er seit Jahren jeden Samstag. Wie lange, weiß er nicht mehr. Die Tafelmitarbeiter sind immer freundlich zu ihm. Früher hat er noch mitanpackt, als die Lebensmittel geliefert wurden. Heute überlässt er das den anderen. Die mit Bananen, Brot, Raviolidosen oder Weihnachtsschokolade gefüllten Kisten sind oft sehr schwer. Sollen doch die Männer aus Afghanistan oder die Nigerianerinnen hinlangen. Bekommen ja auch genug dafür. Er erinnert sich an das Gezetere von Frau S.. Schau Dir die nagelneuen Kinderwagen an, was die vom Staat in den Schlund gesteckt bekommen. Wir müssen um jede Mark betteln, obwohl wir unser Leben lang gerackert haben. Denen da oben sind die eigenen Leute vollkommen wurscht. Herr W. hört zu, doch nicht einmal ein zustimmendes Nicken bringt er zustande. Ging es ihnen, die vom Leben abgehängt wurden, denn vor der Flüchtlingswelle irgendwie besser? Nun ja, hier an der Tafel sollten sich die Neuen ganz hintenanstellen, da hat sie schon recht.

Wenn er endlich an der Reihe ist, ist die frische Milch schon weg und auch von den Süßigkeiten bekommt er nur eine ganz kleine Ration. Dass er Schokolade und vor allem die dicken Sahnekuchenstücke nicht essen sollte, ist ihm egal. Je eher sein Herz aussetzt, umso besser. Bis dahin hilft ihm das süße Gift, wenigstens für kurze Momente zu vergessen. Oder sich zu erinnern. Die Straße, in der er aufgewachsen ist, war in seiner Kindheit noch laut und lebendig. Wo heute zusammengesackte Häuserfassaden reglos in den Himmel ragen und an Schaufensterscheiben Zeitungspapier den Blick abfängt, gab es früher Kramerläden, eine Bäckerei, einen Schuster, drei Wirtschaften, ein Weinlokal und eine KFZ-Werkstatt. Wie hat er die lässigen Typen bewundert, die mit ihrer NSU Max durch die Straße knatterten, um sich den Vergaser neu einstellen zu lassen. Am liebsten jedoch ging er am frühen Abend ganz zufällig bei Tante Berta vorbei. Sie führte das ‚Ladl‛, das direkt neben der Werkstatt war. Und wenn noch ein Stück ihrer legendären Prinzregententorte übrig war, rief sie ihn zu Hintertür herein. Es war wie im Himmel, die cremige-zuckersüße Verführung, die warme Küche.

Herr W., Sie sind dran. Schwerfällig stemmt er sich hoch. Es nervt ihn, sich zwischen sperrigen Kinderwägen zur Tür kämpfen zu müssen. Das Wort ‚Rücksicht‛ gibt es auf afrikanisch wohl nicht. Gut, dass die Tafelmitarbeiterin es bemerkt und die Damen auffordert, Platz zu machen.

Es ist jedes Mal dasselbe, ob die das jemals kapieren? Anfangs hat sich Elisabeth bemüht, mit den jungen Frauen aus Nigeria Englisch zu sprechen. Inzwischen gibt sie die Anweisungen schon mal auf derbsten Bairisch. Sie können sehr wohl den Tonfall interpretieren.  Am unangenehmsten ist es Elisabeth, wenn ihr die Frauen im wahrsten Sinne des Wortes auf den Leib rücken. Dann kleben sie förmlich an ihrer Haut, fordern food for my baby oder versuchen sich durch die Tür zu schummeln, um eine der wenigen Windelpackungen zu ergattern. Offenbar gilt in Afrika: Nur wer sich bemerkbar macht und blitzschnell zugreift, hat eine Chance zu überleben. Und Kinderkriegen, das ist auch so eine Sache. Kaum kann das dritte Kind laufen, ist das vierte unterwegs. Sie sind entzückend, mit den kunstvoll geflochtenen Zöpfchen, die keck in die Höhe stehen, mit farbenfrohen Schleifchen oder rosa Perlen geschmückt. Dazu diese makellose Haut, die man ständig streicheln möchte, und tiefdunkle Kulleraugen, die um ein Stück Schokolade betteln. Doch was wird in zehn, zwanzig, dreißig Jahren sein? Werden sie in der Schule Anschluss finden, Freunde und ausreichend Unterstützung? Werden sie begreifen, was Eigenleistung in unserer Gesellschaft bedeutet, oder später auch von Stütze und Tafel abhängig sein? Werden sie das gleiche Rollenbild wie ihre Mütter und Väter erfüllen? Ja, auch Elisabeth ist beeindruckt von der Vielfalt, die auf den Köpfen afrikanischer Frauen zur Schau gestellt wird. Dagegen sind wir Deutsche langweilige graue Mäuse. Sie stellt sich vor, wie die Frauen zusammensitzen, neue Kreationen ausprobieren, sich gegenseitig hübsch machen, fröhlich, singend. Wie sie wohl ihre Situation empfinden? Ist die Isolation in der Gemeinschaftsunterkunft nicht auch selbstgewählt?

Sie ist froh, als Tafelmitarbeiterin keine wirkliche Verantwortung zu tragen. Hier werden übrige Lebensmittel an Menschen verteilt, die ihrer bedürfen. Basta. Ob sie selbstverschuldet in diese Situation gekommen sind oder nicht, ob sie ihr weniges Geld lieber für Bier oder Zigaretten ausgeben als für ordentliche Schuhe, ja selbst ob sie dankbar sind oder nicht, das spielt keine Rolle. Ein paar wenige Tafelgäste sieht sie im Geheimen als ihre Schützlinge. Mandy, die junge Mutter aus Ostdeutschland, die sie anfangs beim Einlass übersehen hatte. Sie war so unscheinbar und unsicher, dass sie zwischen den quirligen Afrikanerinnen schlichtweg untergegangen ist. Oder Mohammad. Man konnte beobachten, wie er anfangs nach deutschen Worten rang, inzwischen kann sie sich mit ihm über seine Wohnungssuche oder syrische Spezialitäten unterhalten. Elisabeth hofft, dass er und seine Familie bald ihr eigenes Zuhause finden und sich hier im Ort ein Leben aufbauen können. Wie viele mussten bereits in die nächst größere Stadt ziehen, wo in trostlosen Wohnblockschluchten bezahlbare Wohnungen zu finden sind und die Firmen ringsum ungelerntes Personal beschäftigen.

Den ersten, den Elisabeth normalerweise sieht, wenn sie samstags zum Dienst kommt, ist Herr W. Kaum angekommen überfällt er sie mit seinen Geschichten von zuhause. Sie kennt sie bereits auswendig, macht ihm Mut, sich doch endlich für die Knieoperation zu entscheiden. Immer lamentiert er, aber ob er wirklich selbst Verantwortung für seine Gesundheit, sein Leben übernehmen will? Sie will nicht über ihn urteilen, wie viele Entscheidungen hat sie selbst schon aufgeschoben, wie oft die Bequemlichkeit siegen lassen. Ihr Glück war, dass ihr das Schicksal nie so schwere Brocken in den Weg gelegt hatte.

Heute sitzt Herr W. nicht an seinem Platz. Elisabeth begrüßt ihre Kolleginnen und stellt fest, dass sie alle miteinander schon eine verdammt gebrechliche Truppe abgeben. Junges Blut täte dem Team gut. Ihre eigenen Knochen ächzen nach jedem Einsatz in den zugigen Räumen. Langsam trudeln die bekannten Gesichter ein. Elisabeth, haben Sie heute Waschmittel? Leider nein, Sonderwünsche können nur selten erfüllt werden. Dafür hat heute der Metzger eine extragroße Ration Wurst spendiert, nicht nur Ware kurz vor dem Ablaufdatum. Herr W. fehlt.

Nebenan, vor der Kirche, rührt sich etwas. Oft erlebt Elisabeth dieses bizarre Bild. Dort die aufgebrezelten, erwartungsfreudigen Hochzeitsgäste, mit kleinen Kindern im Arm oder Fotoapparat in der Hand. Menschen, die sich unbeschwert in die Arme fallen. Musik, die aus dem Kircheninneren dringt. Ein Brautpaar, das hoffnungsvoll in die Zukunft blickt. Aus jeder Pore dringt Glück. Einige der Tafelgäste stehen auf, kommen näher. Die meisten freuen sich sichtbar mit diesen jungen Leuten, über die farbenfrohe und fröhliche Szene auf der anderen Straßenseite. Andere lässt das Geschehen kalt.

Als die Hochzeitsgesellschaft weitergezogen ist Richtung Gasthaus, die letzten Tafelgäste an der Bushaltestelle warten oder mit ihren klapprigen Fahrrädern von dannen ziehen und Elisabeth ihre Jacke überstreift, hält sie noch einmal kurz inne. Keine Spur von Herrn W., er ist heute nicht gekommen.

©Ursula Karbacher

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