Nachlesen: Höhlengleichnis – Creative Writing Workshop

Eine literarische Meditation nach Platon

J.H., Stift X., ein Kraftplatz, Bezugsort von Kindheit an für mich. Schulkollegen aus dem Sängerknabenkonvikt habe ich für ihre glockenklaren Stimmen bewundert. W.M., den ich in Wien als gescheiterte Existenz und Alkoholiker wiedertraf, der mir dort erst eröffnete, dass sein Sonnenscheingesicht als Klassenkollege Fassade war, da ihm dasselbe Schicksal wie J.H. widerfahren ist, gleich in der benachbarten Bezirkshauptmannschaft X., im Priesterseminar, woraus auch mein jetziger Pfarrer Herr F. mit seinen Depressionen entstammt.

Ich baue mir da gerade das Schattenspiel aus dem Höhlengleichnis des Platon selber, heißt der Kommentar bei diesem Tabuthema seitens Angehöriger, hieße es, wenn ich Leser hätte.
Ich baue da gerade das Schattenspiel aus dem Höhlengleichnis des Platon. Ich bin also diejenige, die die Dinge vor dem Lichtschein bewegt und Nichtbetroffene sind die Gefesselten in der Höhle und reagieren auf Ins-Licht-Zerren äußerst verstört mit sofort einsetzender Abwehrhaltung, bis eben hin zur Negation und bis hin zum Des-Lügens-Bezichtigen. Den Menschen interessiert das In-Die-Sonne-Schauen nicht, was dieses heikle, meist innerfamiliäre Thema anlangt. Der es nicht unter den Tisch kehren kann, wird meist ausgesondert. Sonderling nach auch schon antikem Motto „Tötet den Boten!“. Warum geht man dann doch immer wieder zurück in die Höhle, wenn die altruistische Motivation fehlt. Betteln um Anerkennung und Dazugehören, dort wo man Stöße, Ausstöße erhält, und diese einem verschiedene Ratgeber als Anstöße einflüstern. Oder weil es einem selbst am Licht, außerhalb der Höhle, zu arg klar und grade erscheint, ungewohnt, anders, ungewohntes Leid, wenn überhaupt, um Himmelswillen doch nicht leidfrei.

In Stift X. werden die Präkariatswohnungen – für zum Beispiel ledige junge Mütter – nicht mehr als solche geführt. Gut, jetzt bräuchte es dieses Angebot ja nicht mehr, damals bin ich ja durch diesen Rost gefallen, weil keine ledige Mutter und nicht dienenswillig und devot. Heute sind drinnen Luxuseigentumswohnungen für Zweitwohnsitzler, wie für meine Gräfin aus der Wiener Selbsthilfegruppe. Schwingt da Sarkasmus mit, weiß nicht was das heißt, nein, purer Neid, auch nicht.

Ist Neid beim Höhlengleichnis ein Thema? Neid, Eifersucht auf die Gescheiter(t)en. Brauchst Dir nichts einbilden, auch wennst studiert hast. Haben wir Experten, unbezahlte noch dazu, an unseren Spitzen? In Stift X. dachte ich, Ja. Vor allem beim täglichen Rotweinumtrunk mit dem Abt, der wirklich interessiert war, was junge Mädchen zur Weltlage so denken, entstand bei mir zumindest der ehrliche Eindruck. Was so gar nicht in einen Schwarz-Weiß Film in Farbe passt, ist, dass auch jeder Experte nur ein Mensch ist mit vielleicht seinen Schattenseiten und Fehlern. Dass nicht jeder stoische Werte anstrebt, ist mir unter dem Aspekt zuwider. War Platon auch ein Kinder…?
Es gibt ja immer noch, seit den 50ern des vorigen Jahrhunderts, die Pädophilenbewegung, die Freunde der Pädophilie, ausgehend von Europa. Aus meiner Höhle raus habe ich für alle möglichen Leute in der Ferne oder beim näheren Durchdenken Empathie, mehr oder weniger Verständnis, erteile ich – außer mir selbst – allen anderen Lebensberechtigung, als ob es auf mich ankäme, was aber in der Höhle bleiben muss, ist doch auch ein Teil von mir.

Als Überlebende bleiben im besten Fall Ungereimtheiten, Schwankungen, Reaktionsmuster, die die Mitmenschen nicht einordnen können, nicht damit umgehen können und nicht damit leben können, auch wenn man es ihnen verständlich und dadurch leichter machen möchte. Einem selbst gelingt es nur unter äußerster Anstrengung, weil es in dieser Biographie keine offizielle Community, die sich untereinander stützt wie zum Beispiel beim Holocaust, gibt. Es hat einen anderen Geheimhaltungscharakter, meist verbunden mit psychischen Auswirkungen, wo so ein Mensch nicht in der Lage ist, für eine Entstigmatisierung und für Integration in der Gesellschaft zu kämpfen, wie es zum Beispiel der Blindenverband oder ‚Rollstuhlfahrer für Barrierefreiheit und Zugang zur Arbeitswelt‘ geeint machen. Viele Opfer bräuchten einen geschützten Arbeitsplatz für normal Begabte und gut Qualifizierte. Oft bleibt nur eine Caritaswerkstätte mit Ergotherapiecharakter und paternalisierenden Strukturen und Hierarchiegefällen.

Paternalisierend – das ist ja kein Zustand, das kann man so nicht lassen, schmutzige Verhältnisse, da muss man etwas ändern.

Z. und B. geben Herberge in der Wiener Absteige, einem Stundenhotel, wo sie sich einen Monats- oder zumindest Tagesstatus erwirkt haben, das Paar, Straßenmusikanten, erblindend aus Solidarität zu José Feliciano. Ihm sind sie bei seinem Wienaufenthalt persönlich begegnet, als sie in seinem Chor mitwirkten, das war ihre kleine große Geschichte, so wie im Lied Underdog. Bei den beiden ist es jedenfalls ruhiger – safer, beschützter und würdevoller als im ach-so-sauberen, damals neuen, Krankenhaus von Y. Der Primar der Gyn., alt, alte, mir leider nicht bekannte Story, sehr wohl aber bei den Pflegeschülerinnen bekannt. In der reichen und sauberen Institution, ausgeliefert einer mächtigen Einzelperson, wo auch keine Hilfe von den beiwohnenden Krankenschwestern zu erwarten war. Bei Z. und B. im Stundenhotel schmutzig, stinkig aber warmherzig beschützt, bis ich in der Literatur lernte, man kann auch ‚Herkunftsfamilie‘ sagen, um etwas Bestimmtes auszudrücken und sich zu distanzieren und einen, wenn auch schmalen, Raum zu schaffen, für eine neue, prosperierende Familiensituation.

Kann nicht denken, wer die Gefesselten sind, wer schon am Licht war, wer diejenigen sind, die die Gegenstände tragen. Je näher betrachtet, umso mehr rutschen die Perspektiven durcheinander und die Sicherheit darüber, es im richtigen Licht zu sehen. Zumindest relativiert sich alles, so nach dem Motto, je mehr ich weiß und nachschaue, um so mehr wird das, was ich nicht weiß und erfassen kann – wo wir wieder da angelangt wären, da wo Platon meint, dass der Bote kein willkommener ist. Und wie sich die Menschheit von den Augenbinden und Fesseln befreien könnte, weiß nur deren Gott.

© Lum En Sof

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