Nachlesen: For Sale – Creative Writing Workshop

For Sale

Er sitzt an seiner Werkbank und formt Figuren. Damals schon hat er gern die Knete in seinen Händen gefühlt, hat mit den Kindern bunte Tiere geformt. Die weiche Masse, die sich so warm angefühlt hat, das gefiel ihm. Nach Zoo und Bauernhof kamen die Fantasietiere. Stundenlang sitzt er an seinen Entwürfen, die irgendwann nicht mehr für die Kinder gedacht sind. Drachen, Werwölfe und Kreaturen der Finsternis halten ihn nächtelang wach. Zeit zum Essen nimmt er sich kaum noch, für den Job findet er einen Vorwand und lässt sich krankschreiben. Nach der Kinderknete kommt der Ton, die Arbeit wird anspruchsvoller aber auch intensiver. Der Ton zerfällt, bricht, es dauert lange, bis er den Dreh raushat. Seine Frau hat sich nach ein paar Anläufen aus der im Keller eingerichteten Werkstatt zurückgezogen. Die gemeinsamen Mahlzeiten fallen aus, er kann seine Arbeit einfach nicht unterbrechen. Dafür muss die Familie Verständnis haben, er ist jetzt Künstler. Die Kinder dürfen den Ton nicht berühren, er ist zu empfindlich. Außerdem soll niemand die halbfertigen Sachen sehen, er möchte eine Ausstellung organisieren, wenn er bereit ist die Werkstatt zu verlassen. Die Fensterläden sind geschlossen, er arbeitet wie ein Besessener, hat Tag und Nacht aus den Augen verloren. Wie die Familie. Eines Tages hört er die fremde Stille, schon lange hat ihm seine Frau keinen Teller mehr vor die Tür gestellt. Irgendwann wird er in die Küche gehen müssen, der Hunger wird zu schlimm. Das Haus ist leer, die vertrauten Jacken, Schuhe und Schals an der Haustür sind weg. Sie respektieren meine Kreativität, lassen mich in Ruhe arbeiten, denkt er. Ich könnte meine Werkstücke in der leeren Diele ausstellen, und weitere im Wohnzimmer. Ohne Bücher ist jetzt richtig viel Platz im Regal, freut er sich. In der Küche findet er genügend Vorräte, das erspart das Einkaufen. Er kann ungestört weiterarbeiten. Als das Telefon klingelt, zuckt er erschrocken zusammen. Er beschließt, später zurückzurufen. Es kann nicht wichtig sein. Seine Frau scheint ein paar Tage zu  ihren Eltern gefahren zu sein und hat die Kinder mitgenommen. Sie ist so verständnisvoll. Seinen ungewaschenen Geruch nimmt er nicht wahr, auch nicht sein graues Gesicht. Er arbeitet an seinem Meisterstück, eine Büste seiner Frau. Er hat ihr Gesicht und ihre Proportionen in seinem Kopf gespeichert, wird ihr ein geheimnisvolles Lächeln auf die Lippen zaubern.  Voller Hingabe arbeitet er an seiner Liebsten, ungestört von den Passanten, die draußen vor dem Schild EinFamilienhaus zu verkaufen stehen geblieben sind.

©Isabel Stöckl

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