Nachlesen: Schutzhütten – Creative Writing Workshops

Von Schutzhütten und alternativen Rückzugsorten

Johanna hegte schon seit längerem den Wunsch im parkähnlichen Garten einen Rückzugsort für sich selbst zu bauen, obwohl eigentlich im Haus genug Platz dafür war. Doch es reizte sie, einen Pavillon oder einen von diesen Zirkuswagen ihr Eigen zu nennen, zu dem niemand außer ihr Zugang hätte. Ein Bett, ein Stuhl und ein Tisch würden reichen. Ihren Traum, einen eignen Schreibort zu haben, erschien ihr manchmal etwas luxuriös, aber im Haus bekam der Alltag immer die Oberhand. Sie schaute auf den Berg von Schmutzwäsche, der in die Maschine musste, und den ähnlich großen von frisch gewaschener, der darauf wartete gebügelt und eingeräumt zu werden. Der Küchenmüll musste dringend raus, der Geschirrspüler piepte, weil er fertig war und vom Boden aus lachten ihr die Frühstückskrümel entgegen, während ein leeres Stück Papier darauf wartete, mit Wörtern befüllt zu werden.

Mit Wörtern von ihr, die ihr erlaubten, sich über Dinge zu äußern, die im Alltag und in der Beziehung keinen Platz fanden.

Es kamen ihr durchaus während der Hausarbeit Ideen für das Blatt, die aber schnell wieder verflogen, weil sie dachte, Jetzt muss ich erst noch dies machen und dann das noch und DANN das Schreiben.

So funktionierte es nicht.

Als Johannas Mann  auf einmal wieder viel Zeit  hatte, weil er sich nach seiner Krankheit auskurieren musste,  wollte er unbedingt mit ihr ins Grüne fahren, während ihr die Bearbeitung von Textantworten auf eine Kurzgeschichte im Nacken saß, die sie dieses Mal nicht im Seminar sondern per Post und Email besprechen wollte –  Corona wegen.

Das Ganze schriftlich zu machen, erforderte einen größeren Zeitaufwand als 1 ½ Stunden im Seminar. Sie leitete diesen Kurs seit 6 Jahren für die Landfrauen, vormittags, also für Ältere, die auf einmal Zeit und Lust hatten, sich mit Lyrik oder Kurzgeschichten zu befassen. Sie hatte wegen dreier Kinder und dem sehr anspruchsvollen Beruf ihres Mannes auf Berufstätigkeit verzichten müssen. Deshalb war sie regelrecht entzückt gewesen, als sich ihr die Möglichkeit auftat, ihr Studium der Literatur jetzt im Rentenalter doch noch auszuüben, und noch dazu in diesem völlig freien Rahmen und mit extrem dankbaren Leserinnen.

Ihr Mann freute sich mit ihr.

Aber dass sie jetzt auch noch unbedingt das eigene Schreiben anfangen wollte, löste eher Unwohlsein bei ihm aus. Das war ihm – aus Gründen, die sie nur vermuten konnte – nicht geheuer.

Seit 2 Jahren arbeitete er wieder in seiner alten Firma. Sie schätzten seine Expertise und seine Erfahrung. Es tat ihm gut, dass sein Rat gefragt war und es beflügelte ihn, dass sein Wissen noch etwas wert war.

Johanna hatte, neben all der üblichen Hausarbeit, auch wieder das gesamte Einkaufen und Kochen übernommen. Und mittags sollten nicht nur Kartoffeln und Quark auf dem Tisch stehen.

Hin und wieder sagte sie missmutig, Ich bin doch nur deine Haushälterin.

Anfangs tat er noch so, als ob er das ändern wollte, aber später reagierte er gar nicht mehr darauf.

Schließlich sagte sie, Ich komme überhaupt nicht mehr in meinen eignen Energie-und Arbeitsfluss und kann meine Kreativität nicht entfalten.

– Wieso, du bist doch so oft in deinem Zimmer, was machst du denn dort?

Unverschämt, dachte sie zähneknirschend. Es war zwecklos darüber zu sprechen.

Wenn sie ihre Schreibarbeit erwähnte, schaute er verlegen und betreten aus dem Fenster. Er fragte auch nicht, ob er mal einen Text lesen könnte. Als sie ihm einmal   eine Ballade, die sie geschrieben hatte, zeigte, war sein einziger Kommentar:

– SCHÖN.

Johanna konnte sich gut ausdrücken und suchte gerne nach präzisen Formulierungen, die ihm, so hatte sie den Eindruck, Unbehagen bereiteten.

Ihr Mann hatte ein eindrucksvolles Wissen, was er ihr gerne ungefragt überstülpte.

Wenn sie gemeinsam im Fernsehen eine Sendung über Tiere, Natur, Medizin, Politik, Weltreligionen oder Geschichte sahen, fügte er parallel sein Wissen hinzu. Anstrengend. Früher hatten ihre 3 Kinder wissbegierig an seinen Lippen gehangen. Jetzt fehlten die Zuhörer.

Dieser Zirkuswagen bohrte sich immer tiefer in ihre Gedanken. Sie wollte das Projekt versuchsweise noch einmal auf der Fahrt ins Grüne mit ihm besprechen und ihn einbeziehen, aber er reagierte reserviert und mit Gegenargumenten. „Zu teuer, zu klein, zu hässlich“.

Und wie wäre es mit einem Gartenhaus?

– Dafür brauchen wir eine Baugenehmigung.

Sie stöhnte lautlos auf.  War das die Quittung dafür, dass sie dagegen gewesen war, einen großen Teich im Garten zu bauen, der sehr viel Pflege verlangt hätte?

Man könnte sogar eine Solarzelle aufs Dach machen, wenn man ein Pultdach baut, setzte Johanna nach.

– Ja, genau, sagte er. Dann müsste man das Haus von Ost nach West stellen.

Aber dann ist doch die Fensterseite nach Norden, wenn die Solarzelle nach Süden ausgerichtet werden muss.

– Wieso das denn? Du willst es einfach nicht verstehen.

Der Ton wurde immer gereizter. Schließlich sagte er;

– Ich brauche das Gartenhaus nicht.

 Dann lassen wir es eben, erwiderte sie gleichmütig.

Sie versuchte tief ein-und auszuatmen, und dachte an ihre derzeitige Lektüre: WARTEN, EINE VERLERNTE KUNST, von Timo Reuter erst im letzten Jahr herausgegeben. Der Autor hatte beim Schreiben bestimmt nicht an eine Pandemie gedacht und sie beim Kaufen auch nicht. Das Warten und Innehalten und das Durchhalten war plötzlich eine Dimension für alle geworden.

Schweigend fuhren sie durch die traumhafte Weser-Landschaft.

Früher hätten sie sich endlos lautstark weiter gestritten.

Er hätte von Addition der Bremser gesprochen.

Sie hätte vor Wut gekocht.

Heute war es ein leises Aufbäumen im Inneren.

Meine Zeit kommt noch, dachte sie.

Sicher war sie sich dessen aber nicht.

Er dachte: Sie interessiert sich doch sowieso nur für ihren Schreibkram und nicht für mich. Da kann ich auch gleich wieder arbeiten.

Zurück zu Hause bereiteten sie gemeinsam das Essen vor. Es gab den 1. Spargel, der sehr lecker war. Das kleine Glas Weißwein schmeckte auch gut. Nach dem Essen inspizierten sie das Hochbeet, dass sie gemeinsam bepflanzt hatten.  In der Zeitschrift KRAUT & RÜBEN war ein Mondkalender enthalten gewesen, der das Pflanzen an dem richtigen Tag und zur richtigen Stunden anzeigte. Bereitwillig hatte er sich darauf eingelassen.

Die Dauer ist der Höhepunkt,

hatte vor vielen Jahren einmal der Schriftsteller Bodo Kirchhoff über seine Ehe in einer talk show gesagt.

Allerdings hatte er auch gesagt, dass er jeden Morgen um 9 .00 die familiäre Behausung verließ, um sich in einer eigenen Wohnung in Ruhe seinen Texten widmen zu können, dachte Johanna.

Am Nachmittag machte sie ihren üblichen Spaziergang durch den Wald. Auf der Rückkehr hielt sie an der Schutzhütte an und ließ sich auf der Bank davor nieder.

Kapitel 2

Ich sitze auf einer Holzbank vor der Schutzhütte. Blätter werden aufgescheucht und tanzen rieselnd durch den Lichtstrahl der Sonne. Zu meiner Rechten thront eine ca. 200 Jahre alte Buche. Mir fallen die Hautabschürfungen und Narben an den Stellen auf, wo Äste abgebrochen sind. Jetzt Ende April wird sie von einem leuchtend hellgrünen Laubwerk gekrönt. Mir geht es ähnlich wie der Buche – Hautabschürfungen und Narben im seelischen Geflecht, aber hin und wieder leuchtet meine Krone.

Wind rollt an, als ob sich Wellen am Ufer brechen, ebbt wieder ab, säuselt ein wenig und verkrümelt sich dann, um sich schließlich wieder stürmisch aufzubäumen.

Wir haben seit Tagen einen ganz trockenen Ostwind. Es müsste dringend regnen. Das Licht ist so gleißend wie in Südportugal.

Auf meinem morgendlichen Waldspaziergang komme ich oft an dieser Hütte vorbei, die in den 60iger Jahren vom Verein der Waldfreunde in Eigenarbeitet errichtet wurde. Man traf sich hier am Wochenende, um ein Bier zu trinken und Lieder zu singen. Alle kannten die Texte auswendig. Heute könnte man das mit Hilfe von tablet und smartphone machen. Aber wer nimmt das Ganze in die Hand und, ach ja, wir dürfen uns in Corona-Zeiten ja nicht versammeln.

Die Hütte brannte vor 2 Jahren bis auf das Fundament nieder. Es wurde Brandstiftung vermutet. Alle Anwohner aus dem Dorf spendeten eifrig, damit die Hütte wiederaufgebaut werden konnte. Denn noch heute treffen sich dort die

Waldfreunde, um Bratwurst zu essen und Bier zu trinken oder es lassen sich Spaziergänger wie ich dort nieder.

Ein findiger Dorfbewohner animierte die Berufsschulklasse der Zimmermänner in der nahe gelegenen Kreisstadt. Die Schüler waren Feuer und Flamme und die neue Hütte wurde ein Glanzstück.

Ich sitze dankbar auf der Bank, versuche meinen Atem zu beobachten, Feldenkraisübungen zu genießen oder im Qi Gong zu versinken. Die Welt anhalten, den Augenblick genießen, nicht an morgen denken, zur Ruhe kommen, den zwitschernden Vögeln zuhören, einer Maus unter den raschelnden Blättern lauschen,, versuche ich die Schöpfung zu genießen, bevor ich wieder in den Alltag eintauche, in die Widersprüche , in das Auf und Ab des Miteinanders und Gegeneinanders.

Vielleicht konnte sie ja öfter in der Schutzhütte schreiben?

Die Schutzhütte zu ihrem Arbeitsort machen?

Keine gute Vermischung.

Die Suche nach einem Schreibort ging also weiter.

Und der Gedanke, eine Suchende zu sein, fing an sie zu trösten.

Solange sie noch suchte, lebte sie und mit diesem Gedanken ging sie etwas mutiger nach Hause.

Vielleicht reichten ja ein Zettel und ein Stift in der Jackentasche, um weitere Ideen für Geschichten von Sehnsucht und Wirklichkeit zu entwerfen.

Sie seufzte tief und fragte sich, wie lange sie diesen optimistischen Blickwinkel wohl aufrechterhalten könnte.

© A.D.G.

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