Der Böcklin Zyklus und die Toteninsel. Malerei inspiriert Musik – Musik inspiriert Malerei

Der Böcklin Zyklus und die Toteninsel

Malerei inspiriert Musik – Musik inspiriert Malerei

Ingrid Floss, Die Toteninsel (Reger), 80 x 130 cm, ÖlLeinwand, 2020
Ingrid Floss, Die Toteninsel (Reger), 80 x 130 cm, ÖlLeinwand, 2020

In meiner eigenen Malerei zu den Stücken des Böcklin Zyklus und Der Toteninsel, habe ich mich bei allen Bildern an einer schwarz-weiß Fassung orientiert. Die von mir gefertigten schwarz-weiss Zeichnungen sind auch die Vorlagen für den kommenden Kurs, an der Kunstakademie Bad Reichenhall. Die Zeichnungen werden als Grundidee auf die Leinwand übertragen. Das ist schon eine Form der Interpretation. Die Farbe kommt dann aus dem Hören der Musik hinzu. Auch die Komponisten Max Reger und Sergej Rachmaninow hatten beide nur schwarz-weiß Versionen der Bilder zur Verfügung. Rachmaninow meinte sogar, er wüsste nicht, ob er die Musik überhaupt komponiert hätte, wenn er die farbige Version der Toteninsel vorher gesehen hätte. Über die Höhen und Tiefen und die Klangfarbe der Musik, über das Empfinden und aus dem Hören der Stücke, frei von Naturalismus, bringen wir Maler*innen nun die Farbe zurück. Die Musik inspiriert nun die Malerei.

Wassily Kandinsky und Adolf Hölzel, beides Maler, die der Farbe den größten Stellenwert eingeräumt und sie um 1910/20 herum immer mehr vom Gegenstand gelöst haben, bis sie selbst zum Thema der Malerei wurde, sind von der Musik ausgegangen. Sie sprachen von Farbtönen- und klängen, von Harmonie und Disharmonie. Vor ihnen sprach Cézanne bereits davon, dass Farben nicht mehr zu modellieren, sondern zu modulieren seien, ein Wort aus der Musik, das den Wechsel von einer Tonart zur anderen beschreibt und auf die Malerei übertragen werden kann. Auch hier beschreibt es den Wechsel von einem Farbklang zum anderen, in dem verschiedene Töne nebeneinander gesetzt und nicht mehr ineinander vermischt werden. Für die Farben hat das eine wunderbare Wirkung, sie mischen sich im Auge, was etwas ganz Anderes ist. Ein Rot neben einem Grün steigert sich, wird lebendig und leuchtet. Wenn ich ein Rot unvermischt über ein Grün lege, dann beginnt die Fläche zu vibrieren, wenn immer noch das Grün zu sehen ist. Ich verbinde das einzelne Setzen der Farben mit dem Anschlag eines Tones oder dem Schlagen eines Percussion Instruments. Das Bild als Gesamtes gleicht einer Symphonie. Hölzel sprach oft über die Fuge und verwandte dieses Wort für die Malerei. Er meinte damit eine bestimmte Farbtonfolge, die in Abwandlungen im Bild immer wieder auftaucht.

Wenn man sich mit Arnold Böcklin beschäftigt, stößt man unwillkürlich auch auf die Vergänglichkeitsthematik (wie zum Beispiel im Selbstbildnis mit fiedelndem Tod von 1872) und einem gewissen Zivilisationspessimismus.

Aus den 1880er Jahren ist z.B. folgende Bemerkung Böcklins überliefert: „Woheraus soll man heutzutage zum künstlerischen Schaffen angeregt werden? Im Altertum hat das Leben das übernommen; aber das Leben, wie es sich heutzutage abspielt, drängt eher alle Produktion zurück. Wir „leben“ so wenig! Wie wohnen wir zum Beispiel? Zusammengepfercht in fremdem Haus, mit verbauter Natur, ohne Licht und Luft(…). Woheraus soll man nun künstlerisch Schaffen? Wodurch einmal heller sehen, freudiger, leichter sich aussprechen?(…).“ (Arnold Böcklin, Die Toteninsel von Franz Zelger, S. 29) Ich frage mich, was hätte Böcklin heute gesagt? Heutzutage gibt es, könnte man meinen, noch viel weniger zu schöpfen und die Natur und Artenvielfalt schrumpft immer mehr. Für Böcklin gab es den Sehnsuchtsort Italien, wegen der unverbrauchten Natur, die er im Süden zu finden glaubte.

Für mich gibt es in der heutigen Zeit die Malerei und die Musik, der verschiedenen Epochen, aus denen ich schöpfen kann.

 

Der geigende Eremit

Ingrid Floss, Der geigende Eremit, 50 x 40 cm, ÖlLeinwand, 2020
Ingrid Floss, Der geigende Eremit, 50 x 40 cm, Öl Leinwand, 2020

Der Böcklin Zyklus von Max Reger beginnt mit dem „geigenden Eremit“. Ein Bild, das in seiner Komposition aus rechteckigen Formen aufgebaut ist, was den Eremiten von seiner Umwelt ausschließt, ihn isoliert. Die Einsamkeit wird so betont. Für mich ist das Bild wie eine Parallele zum Künstlerleben. Auch als Künstler ist man weitgehend allein, kann nicht hoffen, dass man gehört wird. Aber vielleicht doch, heimliche Zuhörer hat der Eremit nämlich doch, die drei Engelsgestalten. Auch die Musik ist traurig, melancholisch, hat etwas Liebliches. Das Stück ist langsam, getragen und feierlich. So sind auch die Farben in meinem Bild meist aus violett- gelb Kontrasten aufgebaut. Violett für die „traurig“ klingende Geige, Gelb für das Licht, das einfällt von den himmlischen Zuhörern.

 

Im Spiel der Wellen

Ingrid Floss, Im Spiel der Wellen, 50 x 40 cm, ÖlLeinwand, 2020
Ingrid Floss, Im Spiel der Wellen, 50 x 40 cm, ÖlLeinwand, 2020

Das nächste Stück: „im Spiel der Wellen“ ist das genaue Gegenteil. Es hat viel Geschwindigkeit, Lebendigkeit, es ist fröhlich und kraftvoll. So auch das Bild, welches ich aus der Neuen Pinakothek in München, gut kenne. Die Komposition ist offen und frei angelegt, die Figuren bilden einen fröhlichen Reigen, einen Halbkreis. Ganz entgegengesetzt zur Toteninsel oder dem geigenden Eremiten. Die Rundungen der fischartigen Frauen, und die Üppigkeit der männlichen Figuren haben etwas sehr Körperliches. In meinem Bild habe ich verschiedene Rosatöne für dieHautverwendet und sie mit den dunklen Farben der männlichen Figuren konterkariert. Aus diesen gegensätzlichen Paaren entsteht Spannung und Sinnlichkeit allein schon über die Farbe. Den Gegenpol bildet das helle Blau, es macht das Bild lebendig, fröhlich und leicht.

 

Die Toteninsel

Ingrid Floss, Die Toteninsel (Reger), 80 x 130 cm, ÖlLeinwand, 2020
Ingrid Floss, Die Toteninsel (Reger), 80 x 130 cm, ÖlLeinwand, 2020

Der Titel des Bildes war eine Erfindung des Kunsthändlers Fritz Gurlitt. Böcklin selbst wollte einfach ein Bild zum Träumen malen. Im Bild sind für mich die Zypressen ein wichtiges Element, sie verbinden Himmel und Erde, aber sie versperren auch den Blick vor dem, was dahinter liegt. Für mich strahlt das Bild Ruhe und Einsamkeit aus. Zum Träumen bringt es mich weniger, es wirft vielmehr Fragen auf, über das woher und wohin, über das Leben und vor allem das Sterben.

Es ist sehr monumental aufgebaut aus einer starken Horizontale, dem Meer und einer starken Vertikalen, den Zypressen. Zwischen diesen beiden Achsen, ist es in sich sehr ausgewogen.

Das Bild wie auch die Komposition Regers ist das genaue Gegenteil zum Bild und dem Stück ”im Spiel der Wellen”

 

Die Komposition von Reger ist deutlich zweigeteilt. Der erste Teil sehr dramatisch und dunkel. Nach einer Abwärtsbewegung kommt eine Aufwärtsbewegung, wie wenn jemand Stufen hochgehen würde. Nach kurzer Pause, in der nur Paukenschläge zu hören sind, kommt der Wechsel um 180 Grad. Er wirkt wie eine “Erlösung”. Eine Musik, die Entspannung bringt, freundlich ist, wie ein helles Licht, ein wunderschöner Sommertag. Im Bild habe ich das über die Zypressen in hellen Gelbtönen, als Kontrast zum dunkel blau-rot schimmernden Meer gelöst. Eine stufenartige Tonabfolge führt in die Höhe, die dann über die Gelbtöne bis oben zum Bildrand aufsteigt und so Himmel und Meeresfläche miteinander verbindet. Das Auf-und Ab der Gefühle, welches die Musik erzeugt, habe ich über eine Wellenbewegung der Felsen und Meereslandschaft dargestellt, sowie über die starken hell-dunkel Kontraste der Farben. Wichtiges Element ist immer die fast weiße Figur auf dem Boot. Sie führt in das Bild hinein und gleichzeitig wieder hinaus. Sie ist auch eine Verbindung zum Betrachter und dem realen Raum.

Ingrid Floss, Die Toteninsel (Rachmaninow), 80 x 130 cm, ÖlLeinwand,2020
Ingrid Floss, Die Toteninsel (Rachmaninow), 80 x 130 cm, ÖlLeinwand,2020

Die zweite Tondichtung von Sergej Rachmaninow schafft uns als Zuhörer weniger Erleichterung, sie ist erzählerischer als die von Reger und in drei Teile geteilt. Eine Klammer um den sehr dramatischen Mittelteil, bildet die Ruderbewegung, bildhaft in der Musik zu hören. Diese Bewegung ist vergleichbar mit dem Meer im Bild, das die Insel umschließt. Der Mittelteil des Stücks schwingt sich immer wieder wellenartig auf, zu fast herzzerreißenden Höhen. In meiner Malerei habe ich dies über die in verschiedenen Rottönen der, wie Feuer, brennenden Zypressen dargestellt. Im ersten Teil des Stückes tauchen immer wieder, losgelöst von der Basis, Klangfiguren auf, die vor der übrigen Musik zu schweben scheinen. In meinem Bild dargestellt über einzelne Farbflächen, die ebenfalls vor den dahinter liegenden schweben, sodass auch der Bildraum anders ist, als bei dem Bild zu Regers Stück. Die Farbflächen liegen übereinander und weniger nebeneinander. Es entsteht keine Öffnung nach oben. Der Blick wird über das Grün immer wieder zurück in die Bildmitte gelenkt, über die flammenartigen Zypressen, zurück zur Figur auf dem Boot, die wie verlassen, im Meer aus Farben schwimmt.

 

Das Bacchantenfest

Ingrid Floss, Bacchanal, 50 x 40 cm, ÖlLeinwand, 2020
Ingrid Floss, Bacchanal, 50 x 40 cm, ÖlLeinwand, 2020

Das letzte Stück in Regers Böcklin Zyklus das „Bacchantenfest“ oder einfach „Bacchanal“ ist wieder das genaue Gegenteil. Die Musik ist voller Lebensfreude, Kraft und schnell. Im Bild purzeln die Figuren in einer Diagonale, von links oben nach rechts unten, durch die üppige Natur, verschmelzen mit ihr so, dass man sie kaum aus dem dichten Waldbewuchs herauslösen kann. Hier ist sie wieder, die Sehnsucht nach freiem Leben in der Natur. Sich im Einklang mit ihr, dem Leben und der Lust hingebend.

Auf meinem Bild über den starken rot- grün Kontrast dargestellt, der für mich stellvertretend für das pure Leben ist. Die Farbe vibriert und wirkt wie ein Paukenschlag, mit dem das Stück auch endet.

 

Die Sehnsucht nach einem Leben im Einklang mit der Natur ist auch heute für mich und viele andere Künstler eine wichtige Antriebskraft. Im Malprozess kann man diese Einheit finden und immer wieder neu suchen. Farbe ist, wie Musik, Leben. Mit ihr lässt sich alles ausdrücken. Dabei spielt es keine Rolle, ob gegenständlich oder ungegenständlich. Die Musik kommt ohne Gegenstand aus, ist mal mehr erzählerisch, mal weniger. Aber sie löst starke Emotionen aus, genau wie Farben das tun. Sie berühren uns unmittelbar. Dieses Berühren in einer klaren, geordneten Form, nicht in Sentimentalität oder Hysterie, ist die Schwierigkeit und gerade so wichtig in unserer heutigen Zeit. Sich berühren lassen, um wieder zu sich selbst zu finden und zu einer inneren Kraft und Ruhe, um das Leben mit all seinen Seiten in sich aufzunehmen, um am Ende, im Tod loslassen zu können.

 

Ingrid Floss, München 2020

 

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