Digital – Analog + Selbstbild und Fremdbild + Identität, Verwirrung, Standpunkt, Körperlichkeit + Wir über Uns!

Zur Ausstellung: „Die Schönheit kann ebenso gut aus der Hölle stammen wie aus dem Himmel“

Ein Text von Stefan Wimmer, Direktor der Kunstakademie Bad Reichenhall

In einer Zeit von Fake News, KI und der Ausweitung des Digitalen in alle Lebensbereiche hinein, beschäftigen sich immer mehr Künstler*innen mit dem Analogen und dem Physisch-Materiellen. Die Ausstellung „Die Schönheit kann ebenso gut aus der Hölle wie aus dem Himmel stammen“ widmet sich deshalb der analogen Drucktechnik der Radierung und dem Thema unserer Identität.

Im 15. Jahrhundert entstand die Technik der Radierung bei der eine Kupferplatte entweder geritzt oder geätzt wird in Zusammenhang mit dem Buchdruck. Das so genannte Tiefdruckverfahren diente nicht nur der medialen Verbreitung sondern ist bis heute für viele Künstler*innen eine spannende Technik künstlerische Ideen umzusetzen und vorwiegend der Linie im Bild eine herausragende Bedeutung zuzuweisen. Der Entstehungsprozess in Zeiten von Photoshop, 3-D Druckern und KI Programmen für Kreativität wird durch die physische Beanspruchung der Künstler*innen besonders bedeutsam. Dort wo der Körper, die Hand und das Denken in die Auseinandersetzung mit der Widerständigkeit des Materials wie der Kupferplatte oder der Leinwand treten, finden physische und geistige Präsenz zueinander und bewirken Ergebnisse, die wir anderweitig nicht erhalten würden. Die Hirnforschung hat in den vergangenen 20 Jahren eindrücklich bewiesen, das Hand- und Hirnentwicklung eng miteinander verzahnt sind. Vorstellungskraft und physische Gestaltungskraft sind also wesentlich bedingt.

Es lassen sich unzählige unterschiedliche Verfahren der Radierung bis heute nachweisen, wie z.B. die Kaltnadelradierung, die Fotogravur, Kupferstich, Aquatinta und viele andere. Diese Varianz der Anwendung hat die beiden Künstler Maria und Vlado Ondrej so begeistert, dass sie ihren eigenen Verlag und die eigene Druckwerkstatt in der so genannten Baumwollspinnerei in Leipzig, einem Zentrum für zeitgenössische Kunstproduktion und Ausstellungen, im Jahr 2009 gegründet haben. Die vorliegende Ausstellung beruht weitestgehend auf Ihrem Bestand und wir schätzen uns neben der Bereitschaft zur Leihgabe der Werke glücklich, sie auch als Dozent*innen an der Kunstakademie in Bad Reichenhall zu haben.

 

HIMMEL UND HÖLLE

Der Titel der Ausstellung ist ein Zitat von Charles Baudelaire, das in einzigartiger Weise die Zwiespältigkeit des Strebens nach Schönheit und Vollkommenheit ausdrückt. Es ist eine Leitidee dieser Ausstellung, die sich mit Fragen nach unserem Verhältnis zur Welt, unserer Identität und nicht zuletzt unserem Selbstbild im körperlichen Sinne beschäftigt.

Die Digitalisierung hat in gänzlich neuer Weise die Frage nach der Verortung des Einzelnen aufgeworfen und fordert insbesondere junge Menschen heraus, ihren Platz zu finden. Dieser Platz liegt sowohl im Inneren wie auch im Äußeren, im Physischen wie im Geistigen und nicht zuletzt im Ideellen. Künstler haben sich diesen Fragen im Spannungsfeld von Religion, Politik, Gesellschaft und Geschichte immer gestellt und dabei spezifisch individuelle Antworten geliefert, die uns Orientierung bieten. Wir möchten Sie einladen, die Suche nach uns selbst im Meer der künstlerischen Selbstbefragung zu starten und dabei so manchen unbekannten aber auch bekannten Kontinent zu erforschen.

In dieser Ausstellung sehen Sie sowohl Darstellungen des Menschen wie auch abstrakte Werke, die im Wesentlichen drei Grundfragen repräsentieren: erstens der Mensch und sein Körper; zweitens das Individuum in der Reaktion auf seine Umwelt und drittens der künstlerische Ausdruck für das menschliche Selbstverständnis in Gesellschaft und Kosmos.

In den figürlichen Werken wie beispielsweise von Georg Baselitz mit dem Titel „Ohne Hose in Avignon“, sieht man den Menschen in seiner Fragilität und Verletzlichkeit. Entblößt und dennoch kraftvoll in der technischen Umsetzung, gebrochen und unterbrochen in seiner visuellen Form und gleichzeitig standhaft. Bei der ersten Mappe der Radierung des Ateliers für Radierung auf der Galerie sehen wir Neo Rauch, Oliver Kossack, Steven Black und Christoph Ruckhäberle. Alle diese Werke nehmen den Menschen und noch spezifischer in einigen Fällen das Porträt als Darstellung des Schönen, Hässlichen, Fragilen und spezifisch Individuellen in den Blick.

„Ihr seid alle doof!“ (Maria Ondrej: „Statement“, 2017): kaum ein Statement drückt das Gefühl besser aus, von seiner Umwelt nicht verstanden zu werden als dieser Ausruf.  Er ist gemäß Jean Baudrillard ein deutlicher Hinweis auf zweierlei Ebenen. Einerseits ist es ein Zeichen, dass ein Mensch sich bemerkbar macht und sein Zeichen im urbanen Umfeld setzt. Das so genannte Tagging, das seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in europäischen und US-amerikanischen Städten zu finden war und ist, ist Ausgangspunkt der Sprayer- und Graffiti Bewegung, die sich heute in vielfachen Formen der Urban Art niederschlägt. Gleichzeitig ist es aber auch ein Ruf nach Aufmerksamkeit, der Wunsch in der Anonymität des Alltags und der Städte als Individuum gesehen zu werden und seinen Platz zu finden bzw. zu beanspruchen. Das Werk “A Bed is More Than Just A Sex Objekt” von Kylie Lefkowitz spielt ebenso mit der Abwesenheit einer Person und dennoch mit dem individuellen Umfeld, einem sehr intimen Raum und Möbel. Abwesenheit und Anwesenheit der Figur gleichermaßen. Nicht zuletzt die drei Werke von Jonathan Meese spiegeln den Wunsch des Individuums nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Die Inszenierung von Jonathan Meese als Künstler mittels starker und provokativer Motive wie dem Eisernen Kreuz, dem Hakenkreuz und markanter Statements innerhalb der Werke wie „Kunst≠Kultur“ oder „Kunst=Chef“ sind Möglichkeiten der Selbstbehauptung gegenüber der Bedeutungslosigkeit.

Persönliches bzw. Privates als Ausdruck der Identität des Einzelnen ist in diesen Werken exemplarisch umgesetzt.

Die dritte Kategorie innerhalb der Ausstellung sind abstrakte Werke: in den drei großen Radierungen von Vlado Ondrej mit dem Titel „Konvergenz“ sehen wir scheinbar abstrakte Linienstrukturen. Tatsächlich sind diese aber als Formen der Individuellen zu begreifen. Destilliert aus dem extremen Zoomen in eine Gesichtsdarstellung, die aus der Zusammensetzung von Strichen sich ergibt, hat Vlado Ondrej eine Art innere Bewusstheit des Netzwerks entwickelt. Die Netzwerke sind Verdichtungen so wie wir bei näherer Betrachtung unseres Körpers mit Mikroskopen Strukturen erkennen können, die nicht das Individuum als Ganzes zu repräsentieren scheinen, sondern andere Elemente. Gleichwohl gehören diese Strukturen, insbesondere die Gene und die DNA ganz unmittelbar zu einem Lebewesen. Und die exakte Zusammensetzung entspricht tatsächlich nur je einem einzigen Lebewesen. Mehr Einzigartigkeit ist also nicht denkbar. Seien künstlerische Umsetzung führt uns vor Augen, dass Netzwerke, Beziehungen sowie Relationalität Individualität und Einzigartigkeit ausmachen. Demnach sind die persönlichen Netzwerke und Bezüge, Interessen und Abneigungen Ausdruck eines Individuums.

Mit “Solar Eclipse on Light Sensitive Emulsion” von Asa Elzén sehen wir eine andere Form der Verortung des Menschen: der Bezugspunkt des Kosmos. Die Sonnenfinsternis hat nicht nur Wissenschaftler, sondern seit tausenden von Jahren auch Künstler*innen beschäftigt. Von Untergang bis Erleuchtung, vom physikalischen zum astronomischen Phänomen, unzählige Beiträge sind hierzu verfasst worden und spiegeln den Wunsch des Menschen als Spezies wie als Individuum wieder seinen Platz zu finden.

 

Radierungen von Christian Achenbach Christian Achenbach, BEZA,Teresa Bischoff, Steven Black, Sebastian Burger, Uros Djurovic, Asa Elzén, Wednesday Farris, Sebastian Gögel, Philip Grözinger, Stella Hamberg, Paule Hammer, Gregor Hildebrandt, Stefan Hirsig, Franziska Holstein, John Jacobsmeyer, Marcus Jansen, Oliver Kossack, Peter Kröning, Kylie Lefkowitz, Rosa Loy, Maria Ondrej, Vlado Ondrej, Julius Popp, Neo Rauch, Christoph Ruckhäberle, Nadin Maria Rüfenacht, Sebastiaan Schlicher, Kristina Schuldt, Charlotte Segall, Jan Philipp Sexauer, Matthias Weischer

 

Ausstellungsdauer: 15. März – 28. April 2019

Öffnungszeiten: Mi – Sa 15-18 Uhr, So 12-15 Uhr

 

 

 

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