Über die Freiheit und die Verantwortung

Newsletter September 2018


Liebe Kunstinteressierte, liebe Freund*innen der Kunstakademie Bad Reichenhall!

Oftmals verbinden wir den Sommer mit dem Gefühl der Unbeschwertheit und Leichtigkeit. Dieses Jahr – rein meteorologisch gesehen – war der Sommer traumhaft, doch gleichzeitig kann man die Hitze und die dauerhaft schönen Tage auch als Vorboten beklemmender Entwicklungen sehen, die weit jenseits klimatischer Veränderungen im herkömmlichen wie vielmehr auch im übertragenen Sinne zu liegen scheinen. Und beinahe so, als ob wir es hätten ahnen können häufen sich die Anzeichen massiver Bedrohung demokratischer Werte und Tugenden und nicht zuletzt die Bedrohung der künstlerischen Freiheit.

Bei der Biennale von Wiesbaden wurde vom Stadtrat beschlossen, eine Skulptur, die den türkischen Präsidenten Erdogan zeigt, mit dem Hinweis zu entfernen, dass der Aufwand zum Schutz dieser Skulptur zu groß und schwierig sei. Aber ist es nicht gerade die Aufgabe des demokratischen Staates – zumindest einer liberalen Demokratie – einen Schutzraum auch abweichender Minderheitenmeinungen zu garantieren? Kunst sollte nicht zum Selbstzweck provozieren, aber selbst wenn dies der Fall ist, ist ein wesentlicher Grundsatz unseres Rechtsstaates, dass er das Recht zur freien Meinungsäußerung sehr hoch bewertet und deshalb auch den Raum für abweichende Meinungen und Positionen bietet. Es handelt sich also nicht um eine Frage der realen Kosten sondern um die Frage, ob die politischen Gremien bereit sind, die in unserer Verfassung verbrieften Rechte auch gegen die scheinbare öffentliche Mehrheitsmeinung zu verteidigen.

Gleichwohl ist es noch viel bedenklicher, dass unsere Gesellschaft scheinbar nicht mehr bereit ist, die persönliche Haltung des Einzelnen als Chance andersartiger Sichtweisen auf Phänomene auszuhalten und sich selbst damit zu hinterfragen oder zumindest dem Anderen das Recht auf eine abweichende Meinung zuzugestehen. Nur wenn es uns gelingt diese Abweichung als Wesensmerkmal einer individualisierten Gesellschaft zu begreifen – die jeder Einzelne oftmals in ganz spezifischen Zusammenhängen für sich selbst in Anspruch nimmt – und nicht die moralische Abwertung der anderen Meinung oder die persönliche Diffamierung mit der Begründung persönlicher Betroffenheit einhergeht, kann ein liberaler, demokratischer Rechtsstaat wie wir ihn seit der Aufklärung und der französischen Revolution in Europa kennen und wie er immer wieder gegen vielfältige Widerstände erkämpft bzw. gestützt worden ist, aufrecht erhalten bleiben. Ich erinnere an dieser Stelle gerne auch an die Eröffnungsrede des Brucknerfestes in Linz von Daniel Kehlmann vom 9. September, in der er darauf aufmerksam machte, dass die freiheitliche demokratische Rechtsordnung uns von den Zufälligkeiten des Unrechts des nationalsozialistischen Regimes und der damit verbundenen Willkürherrschaft befreit hat, aber wir immer und jederzeit dazu aufgerufen sind, diese zu verteidigen, um nicht selbst Opfer von Willkür zu werden.

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3 Kommentare

      1. Anlässlich eines Buchprojekts nutze ich die meine gerade. Ist die freie Meinungsäußerung noch aktuell? Man wird vorsichtig. Danke auf jeden Fall für den Hinweis auf unsere verbrieften Rechte. Er kommt in das Abendtäschchen, mit Lippenstift und anstelle Pfefferspray sozusagen.

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