Thomas Lange&Mutsuo Hirano „Kunst bauen“

“Man muss über Gefühle denken und über das Denken fühlen.” *1

Im Paradies war die Welt im Einklang und brauchte keine Bilder.

Nun leben wir in der Diaspora und sind seit Stonehenge auf der Suche nach dem verlorenen Garten, von dem wir uns Bilder machen.

“Wäre ich in der Lage, den Inhalt von Beethovens 7. Sinfonie wiederzugeben,

wäre es nicht notwendig, sie aufzuführen.” *2

Das in Worte zu fassende Bild ist ungültig, da es Text wird. Moralische Kunst wird zur Propaganda und überzeugt nicht durch sich selbst, sondern erpresst den Betrachter. Moralische Architektur scheitert, indem sie bestimmt, wie zukünftige Bewohner leben sollen.

Die Leute begeben sich nicht freiwillig ins Hamsterrad.

Das Drama der Moderne ist der Verlust des Platzes, der Mitte und der Zeit.

Auch kann ich die Vernichtungslager nicht vergessen und eine ungebrochene Figur erfinden. Der nostalgische Gegenentwurf ist ideologischer Natur und verabschiedet sich von einer Kunst, die ich meine:

-Gebrochen- transgressiv, verzweifelt und euphorisch, pathetisch und bescheiden -Mörder und Opfer- Hitler und Anne Frank-

Jede ideologische Form, auch wenn sie sich als Kritischer Realismus verkleidet, bringt Architektur und Kunst in die Gefahr, ein “ungedeckter Wechsel auf Bedeutsamkeit” *3 zu werden.

Die Unschuld der eigenen Aesthetik wird durch die Provokationen des Marktes auf die Probe gestellt. Dieser ästhetische Zwiespalt stellt den Künstler auf tönerne Füsse, die zwischen Narzismus und Verantwortung und zwischen Moral und Amoral hin- und herschwanken. Die tönernen Füsse auf denen Architektur steht, sind die Forderung nach einer solidarischen Gesellschaft auf der einen und nach einer Elite, die ihre Visionen verwirklicht auf der anderen Seite.

Die Architektur auf der Piazza della Vittoria im italienischem Brescia ist schön und stammt aus dem Faschismus.

Gibt es unmoralische Schönheit?

Das von vielen Künstlern nicht geliebte Museum MAXXI von Zaha Hadid in Rom

ist ein Beispiel für Architektur, die nicht dem Thema dient, sondern sich selbst als Kunstwerk feiern will. Die hier ausgestellte Kunst läuft Gefahr zu einem Kommentar der Architektur zu werden und damit zur Dekoration.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele, die mit einem thematischen Irrtum Grandioses hervorgebracht haben, wie es die Neue Nationalgalerie in Berlin von Mies van der Rohe zeigt.

Ein Bild ist gelungen, wenn es die Spontaneität eines Schimmelflecks besitzt, in dem die“Alexanderschlacht auftaucht” 4* und das uns in seiner scheinbaren Zufälligkeit “ nicht die Realität vergessen läßt , sondern eine größere schafft “.*5

Aber wird mein Bild zu meinen Nachfahren noch sprechen? Was wird von uns und unseren Gebäuden bleiben? Werden die Hochhäuser aus Glas die Jahrtausende überstehen wie einst die griechischen Tempel? Oder werden nur unterirdische Parkhäuser und Ruinen von Atomkraftwerken übrigbleiben, die in 4000 Jahren vielleicht als religiöse Begegnungsstätten interpretiert werden?

Im Hier und Jetzt steht der grosse Zufall des Lebens in zwiespältigem Einklang mit den schnellen und chaotischen urbanen Bewegungen, die sich in der Architekur wiederspiegeln. Der Architekt wird zum Regisseur des Stadttheaters, in dem alle die Hauptrolle zu spielen scheinen:

Jeden Vormittag breiten Hunderte von Vucomprà*6 in Rom ihre Waren auf der Ponte San Angelo aus. Der Ausruf “Achtung Polizei !” gibt den Startschuss für eine Choreographie, die sich wie ein Tsunami über die gesamte Szene ergießt. Alle packen eiligst ihre Waren in der immer gleichen, grauen Plastikplane zusammen, die sie sich auf die Schultern packen, um sich dann zu erheben, als wären Bewegung und Rythmus einstudiert. Für einen kurzen Augenblick wird eine Kettenreaktion ausgelöst, die sich wiederaufrichtenden Dominosteinen zu gleichen scheint, in ihrer wahren Eleganz jedoch ein Grosstadtballett darstellt. Einen Augenaufschlag lang sind wir -die Touristen- mit ihnen -den Anderen- eins.

Als wären wir Zeugen einer Aufführung, die die Schönheit des alltäglichen Zufalls feiert. Alle auf der Brücke spenden begeistert Beifall.

Einen Atemzug lang sind alle Menschen Geschwister. Meine Verbrüderung mit dem neben mir stehendem- Sekunden –Freund- ist von kurzer Dauer.

Sofort werden wir wieder Käufer und Verkäufer, Tourist und Vucomprà ,

als ob wir nur so der “Peinlichkeit” dieser unmöglichen Freundschaft entfliehen können.

Ich kaufe eine Sonnenbrille und wir lachen.

 

*1-* 2     Daniel Barenboim

*3            Koudelka             

*4            Leonardo da Vinci

*5            Sigmund Freud

*6            afrikanische Strassenverkäufer

Text von Thomas Lange&Mutsuo Hirano

 

 

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